Who needs fucking sleep?

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Wer braucht schon Schlaf?“, fragt ein gähnender Mund und blickt dabei in andere schwarzunterrandete Augen auf dem Spielplatz. „Ihr vielleicht nicht“, denke ich und rufe laut: „Ich, ich, ich.“ Dann sinkt mein kraftloser Körper, ob der kurzen Aufregung, wieder schlapp in sich zusammen.

Ja, natürlich, die gescheiten Eltern finden sich damit ab, dass an geruhsamen, erholsamen Schlaf in den nächsten Monaten bis Jahren nicht zu denken ist. Die dummen Eltern tun das nicht. Ich gehöre zu den Dummen. Denn eines weiß ich ganz sicher, und kann es auch ganz getrost behaupten: Schlaf wird nicht überbewertet. Man liest und hört das seltsamerweise so oft von frisch leidenden und gar nicht ausgeruhten Eltern. Milde lächelnd ziehen sie dann gequält ihre Mundwinkel Richtung tiefbraun-blaue Augenringe. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Machen wir uns doch nichts vor! Das stimmt einfach nicht.

Und ich muss es wissen. Ich habe Erfahrung, was schlaflose Nächte betrifft. Und ich übertreibe nicht, wenn ich das Wort Folter dabei in den Mund nehme. Für die, die es noch nicht erlebt haben und es wissen wollen, kann ich genau schildern, wie sich das anfühlt, wenn der mehr tote, als nur noch müde Körper, endlich in den Schlaf gleitet, um nicht einmal fünf Minuten später wieder brutal da herausgeholt zu werden, wo man gerade so gerne und verdient hinwollte, ins Träumeland. Träumen? Hahaha, vergiss‘ es! Träumen tut nur der, der schon tief geschlafen hat. Und dann muss man auch noch gegen den eisernen Willen des Körpers arbeiten, der einfach nur reglos sein möchte, muss plötzlich und schon wieder voll wach sein, muss funktionieren (Vom Geist rede ich nicht, nur vom Körper). Das vielleicht angelullte Kind muss gewickelt, gewaschen, frisch angezogen werden. Der verlorene Schnuller muss in der Dunkelheit gesucht, gefunden und wieder in den Mund gesteckt werden, Nahrung, Mitternachtssnacks müssen schnellstens serviert werden, denn ist das Kind einmal wach, bleibt es das vielleicht auch. Also nicht nur funktionieren muss man, nein, dabei sollte man auch noch verdammt schnell und sehr leise sein!

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Ich weiß, es gibt Superdupereltern da draussen, denen macht das anscheinend nichts aus, jahrelang halt eben mal nicht zu schlafen. Ist ja nicht schlimm, gell? Des bisserl Schlaf, braucht ja niemand. Von wegen, verdammt. Ich brauche den Schlaf, meinen Schlaf, ich will ihn. So sehr. Unbedingt. Das ist etwas, was ich herausgefunden habe, nach drei Jahren gar nicht, bis nicht so toll durchschlafen. Nein, nicht einmal nach drei Jahren. Das wusste ich auch schon nach drei Wochen. Ach was! Was rede ich da? Nach drei Tagen war ich mir absolut sicher, dass der Schlaf, ja der liebe Schlaf, mein liebst er bester Kumpel ist auf dieser Welt. Oder besser war. Wir sehen uns in letzter Zeit nur sporadisch und vor allem nie dauerhaft. Ich aber wäre am liebsten sehr viel öfter mit ihm zusammen. Aber wie das nun mal so ist, weiß man Dinge erst so richtig zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat.

Also, Fazit: Ich bin dann eben nicht so eine Supderdupermutter, die Schlaf für überbewertet hält. Ich stehe da auch voll dazu. Klar, liebe ich meine Kinder, aber ganz ehrlich: Glücklicher wäre ich, wenn meine geliebten Kinder schlafen würden, verdammt nochmal. Und zwar genau dann, wenn ich auch schlafen will.

Für alle Bald-Eltern, die das lesen: Natürlich könntet ausgerechnet ihr Glück haben und euer Kindelein wird ein ganz toller Schläfer. Aber falls nicht, dann seid an dieser Stelle gewarnt. Ich bin absolut ehrlich zu euch. Angeblich gibt es solche Kinder (nicht nur in Bilderbüchern), die schlafen toll, von Anfang an, von früh bis spät und selbst, wenn sie zahnen oder krank sind. Ja, ja! Angeblich. Ich kenne solche Kinder jedenfalls nicht. Gehört habe ich allerdings von denen. Beweise habe ich noch keine gesehen. Aber vielleicht zieht gerade ihr das große Los, knackt den Jackpot. Und falls es so ist, dann freut euch, lest das hier nochmal und bemitleidet gefälligst alle anderen nichtschlafenden Eltern da draussen. Und bewahrt Stillschweigen. Denn am Spielplatz kommt das gar nicht gut, zu prahlen: „Mein Kind schläft zehn Stunden durch. Von Anfang an. Wir müssen es sogar wecken.“

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Sollten diese Worte fallen, mutieren nichtschlafende Eltern mitunter zu Zombies (kein weiter Weg), krabbeln zu den Sprösslingen in die Sandkiste, zertrampeln dabei mutwillig Burgen und Schlösser, nehmen den Sand und werfen einfach. Und das kann ins Auge gehen.

Also behaltet euer kleines, dunkles Geheimnis lieber für euch. Und wenn ihr mir begegnet: Ich will es auch nicht wissen. Redet nicht mit, bei der Über- oder Unterbewertung von Schlaf. Mitreden kann man erst, wenn man sie durchgemacht hat, diese Nächte. Drei bis vier, bis hunderte solcher Nächte. Und zwar hintereinander. Man kann da nur mitreden, wenn man echt am Ende war. Und ich war dort, glaubt mir. Einige Male sogar. Ich kenne dieses Ende. Hier ist es. Gute Nacht!

(Leseprobe aus „Ratlos – Die Wahrheit über unsere Kinder“)