Urlaub, das ist kein Ponyhof.

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Das Wichtigste gleich vorweg: Urlaub mit Kindern, das hat nicht mehr sehr viel mit den Reisen zu tun, die man gemacht hat, bevor man Kinder hatte. Sandburgen bauen am weissen Sandstrand. Mit Gummistiefeln im Stall nach frisch gelegten Eiern, und danach im Heustadl nach Nadeln suchen. Ponyreiten, im Badeteich plantschen. An Regentagen gemütlich Brettspiele spielen. An sonnigen Abenden Spaziergänge am Hafen machen und anschließend im Restaurant frisch gefangenen Meeresfisch essen, während die Kinder die lustigsten Erlebnisse des Tages Revue passieren lassen.

Das ist Urlaub mit Kinder. Falsch, das sind bloß die Vorstellungen, die wir haben, bevor wir mit unseren kleinen Kindern das erste Mal auf Urlaub gefahren sind. Spätestens beim Packen sollte man diese begraben. Denn sie sind falsch.

Mit der Realität hat das nicht das Geringste zu tun. Natürlich gibt es immer Supereltern da draussen, die uns mit ihren Urlaubsfotos und Coverstories in den Eltern-Magazinen weis machen wollen, das der Urlaub mit ihren Kindern, ein Urlaub mit Freunden ist, ein spannendes Abenteuer, eine harmonische Reise mit kultur- und landschaftsinteressierten Gefährten, die sich Tisch, Bett und Proviant teilen. Möglicherweise ist das auch so, mit anderen Kindern. Mit meinen jedenfalls nicht. Vielleicht wird es einmal so werden, aber wetten würde ich vorerst nicht darauf.

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 Urlaub war für mich einmal Rucksacktour, Welten bummeln, Seele baumeln lassen. Oder ein Städtetrip mit ein bisschen Sightseeing, einer ausgiebigen Shoppingtour, einem gemütlichen Kaffee nach einem kleinen Nickerchen hier, einer Pizza zwischendurch, einem Glas Wein dort und anschließend noch auf ein Eis. Aber jetzt? Vergiss‘ es.

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Ich wollte es erst nicht wahr haben, dass ich jetzt selbst im Urlaub zuerst andere mit Pizza und Eis versorgen muss, bevor ich mir irgendwann zwischendurch meine sechs Kaffee reinschütten kann. Die brauche ich nämlich auch im Urlaub ganz dringend, denn die schlechten Nächte bleiben nicht zu Hause, machen keine Pause, die kommen überall hin mit. Ich musste mich erst schmerzhaft damit abfinden, dass ich diesen Kontinent frühestens in fünf Jahren wieder verlassen werde, dass meine romantische Vorstellung von dem abgelegenen Piratenhaus in Kroatien, um das die süßen Kinderpöpsche wild herumhüpfen, zwar lieb und lustig ist, aber eben nur als Vorstellung existiert. Deren Umsetzung in die Realität wäre sehr dumm, mehr als nur naiv.

Ich habe bereits meine Erfahrung gemacht, die Watsche kassiert und überlege mir jetzt nur noch, wie ich den Urlaub mit Kindern am komfortabelsten gestalte. Ich will aus dem Urlaub nicht ausgelaugter und müder zurückkommen, als ich bei der Abreise war. Die Tage dort sollen nicht anstrengender sein, als sie zu Hause nicht eh schon sind.

Meinen dreiwöchigen Australientrip vor sieben Jahren, habe ich zwei Tage vor dem Abflug beschlossen, gebucht, habe eine halbe Stunde gepackt und los ging’s. Jetzt mache ich mir nichts mehr vor. Plane vor der Abfahrt einen Tag für Einkäufe und einen weiteren fürs Packen ein. Aber zuallererst wähle ich weise das Transportmittel.

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Autofahrten werden in Schlafeinheiten eingeteilt und Pausen sorgfältig geplant. Kurvenstrecken müssen unbedingt vermieden werden, wenn ein Kind einen sensiblen Magen hat. Bedenke, du bist im Auto eingesperrt und ein Stau samt üblem Kotzegeruch kann die Fahrt zum niemals enden wollenden Albtraum werden lassen. Vor allem wenn ein Kind schreit, während das andere wie auf einem Tonband vor sich hinmurmelt: „Wann simma da? Wann simma da? Du, wann simma endlich da?“

Flugreisen sind eine logistische und nervliche Herausforderung. Wer trägt die Kinder, wer das Gepäck? Wie kommt man zum Flughafen hin, wie wieder zurück? Wer erträgt die genervten und strafenden Blicke der anderen Fluggäste, wenn das Kind plärrt? Die Crew gibt einem wertfreie Tipps, wie man ein Kind am besten zum Schweigen bringt, während der auf Wolken schwebende Kapitän seine Kopfhörer auf den Ohren trägt und von all dem nichts mitbekommt. (Gibt es diese Modelle auch für autofahrende Eltern?)

Bahnfahrten wären ja eine schöne Alternative, aber auch hier ist man am Zielort unter Umständen auf weitere Transportmittel angewiesen. Und es soll tatsächlich Kinder geben, denen im Zug nach einer Stunde bereits langweilig wird.

Wenn man dann endlich angekommen ist, am paradiesischen Urlaubsort, denkt man bereits mit angsterfülltem Schrecken an die bevorstehende Rückreise. Ein beklemmendes Gefühl, das einen den Rest des ganzen Urlaubs begleitet. Währenddessen geht der Alltag munter weiter. Ein Kind will gefüttert, das andere Schlafen gelegt werden. Koffer müssen ausgepackt, Babybetten aufgestellt werden. Irgendwann vor dem Abendessen läuft man dann dem anderen Erwachsenen, dem Reisepartner über den Weg. Früher einmal, da hatte man in einem fernen Land nach einem ruhigem Strandtag mit Buch in der Hand, zu zweit mit diesem Reisepartner ein romantisches Abendessen genossen. War das in einem früherem Leben, fragt man sich. Man redete, trank eine Flasche Wein, ja vielleicht kam tagsüber sogar einmal so etwas wie Langweile auf. Zurück im Jetzt: Während man sich eine Windel überreicht und abmacht wer für welches Kind beim Essen zuständig ist, denkt man kurz an diesen fernen Augenblick zurück, sieht den anderen Erwachsenen am Tisch an, wie er das Kind davon abhält, die dreckigen Finger im Apfelsaft zu baden und sich selbst daneben hastig einen Bissen in den Mund schiebt. Blickkontakte werden selten, schließlich muss immer einer ein Kind im Auge behalten. Beim Urlaub mit Kindern bekommt das Wort Urlaub eine ganz neue Bedeutung. Es ist eine Menge Spiel, ein bisschen Spass und sehr viel, sehr harte Arbeit. Zeitung durchblättern, Buch lesen, in den Tag hinein leben, das war früher einmal. Und jetzt ist es die Beschäftigung der anderen Urlaubsgäste, aber bestimmt nicht meine. Um 6h Früh wird aufgestanden, die innere Uhr eines Kindes tickt im Urlaub auch trotz Zeitverschiebung nicht anders oder gar langsamer als daheim. Und dann wird gespielt und gearbeitet und wieder gespielt und gearbeitet bis die Kinder im Bett sind und man selbst todmüde umkippt.

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Ich kann mich erinnern, als ich einst noch kinderlos, aber schwanger, ein junges Paar mit zwei Kindern in der Therme beobachtet habe. Die Kinder waren ungefähr in dem Alter, in dem meine Beiden jetzt sind. 3 und 0. Zu viert saßen sie am Tisch und aßen ruhig und besonnen ihr Mahl. Bis heute stellt sich mir die Frage, wie, zum Teufel, die das gemacht haben. Oder, ob mir meine Schwangerschaftshormone damals einen Streich gespielt haben, und das Szenario in Wirklichkeit so war, wie es bei uns heute sein würde: Einer rennt dem großen Kind hinterher, das sich direkt am Buffet mit beiden Händen den Bauch vollschlägt, um dann geradewegs zurück zum Pool zu laufen und ins Wasser zu springen. Ohne Schwimmflügel, dafür aber voll bekleidet. (Wer mir jetzt mit klugen Erziehungstipps kommt, dem zeige ich trotzig den Stinkefinger, wohl wissend, dass ich mir damit mit Anlauf selbst in den Rücken falle, und weise Ratschläge erst recht verdient hätte. Aber ich bin der Meinung, dass ich mich in Erziehungsdingen gar nicht so schlecht mache und Eltern heutzutage viel zu viel nachdenken, zu oft die Schuld bei sich selbst suchen, unsicher sind, die Kinder das merken und es beinhart ausnutzen. Deshalb bleibe ich intuitiv, das aber dafür konsequent.)

Während der eine Elternteil also Kind 1 aus dem Wasser fischt und umziehen geht, hält inzwischen der andere Kind Nummer 2 davon ab, unermüdlich, aber doch wenig erfolgreich den Zaubertrick mit dem Tischtuch zu üben. Alles fällt immer um. Nie bleibt etwas stehen. Unterdessen versucht dieser Elternteil beharrlich einen vollen Breilöffel in den geschlossenen Mund zu befördern. Wenn ich dieses Musterpaar heute sehen würde, ich würde sie fragen, wie sie das angestellt haben. Oder ich würde sie erst einmal genauer unter die Lupe nehmen. Vielleicht waren das keine Kinder, sondern kleine Erwachsene, oder gar Puppen. (Ja, ich weiß, es gibt auch Kinder, die brav am Tisch sitzen bleiben. Aber dieses Faktum muss ich um meiner selbst willen ignorieren.)

Also, bei uns ist es beschlossen: Wir fahren nicht in die Therme, fliegen auch nicht in die Karibik, nehmen keine mehrstündige Autofahrt auf uns. Wir fahren auf den Bauernhof. Eine Autostunde von zu Hause entfernt. Kinder- und Babyausstattung vorhanden. Freunde und deren Kinder als Spielpartner vor Ort. Spital und Supermarkt in der Nähe und selbst, wenn wir zu Hause etwas vergessen, ist es nicht schlimm. Dann holen wir es halt einfach. Es gibt dort Bagger, Traktoren und sogar Ponys. Aber ich mach mir nichts vor. Trotz all dem, das Leben dort wird garantiert kein Ponyhof.

Auszug aus dem Buch „Ratlos – die Wahrheit über unsere Kinder“