Tagebuch einer Nacht

auge4

Heute Morgen, als ich mein Gesicht im Spiegel betrachtete, zog ich meinen linken Ärmel über mein Handgelenk, um den schwarzen Schatten unter meinen Augen wegzuwischen. Dann öffnete ich erneut die brennenden Augen. Aber was war das? Er war noch immer da, der dunkle Schatten und mittendrin konnte ich sie erkennen, ja zählen sogar:

Das 23:30-Fältchen: Was ist los? Eine halbe Stunde vor Mitternacht? Wow, du hast zwei Stunden am Stück geschlafen. Und was jetzt. Durst? Da hast du was zu trinken, Süßer. Er schläft weiter. Halleluja.

Das 00:05-Fältchen: Da ist sich aber jetzt nicht einmal ein Träumelein ausgegangen, oder? Was ist jetzt wieder los? Zähne? Innere Unruhe? Schnuller? Brauchst du Nähe? Hier eine Hand.

Das 00:47-Fältchen: Verflucht nochmal. Ich bin noch nicht einmal wieder eingeschlafen! Wieder Durst? Hier was zu Trinken. Schlaf jetzt weiter. Ich streichle dich.

Das 01:30-Fältchen: Schon wieder wach, hm? Ah, der Mond scheint wahrscheinlich zu hell durch den Vorhang. Warte. Wo dreht man den denn ab, diesen Mond? Schon wieder voll? Mach einfach die Augen zu! Schlaf wieder ein! Nein? Noch was zu trinken? Nein? Dann kann das „muntere“ Rätselraten ja weiter gehen.

Das 03:10-Fältchen: Nach so viel Trinken ist das Maß jetzt scheinbar voll. Also Windel wechseln. Da schläft es sich doch gleich besser weiter. Oder nicht?

Das 03:52-Fältchen: Nicht? Was ist denn jetzt wieder los? Wieso bist du so nass? Oh nein. Alles nass! Body, Strampler, Leintuch. Das kommt davon. Vom blind-wickeln. Neues Gewand holen, Windel holen. Bitte nicht weinen, ich komme ja gleich. So alles wieder trocken. Ah, du bist ja schon wieder eingeschlafen. Sehr fein. Und ich? Ich bin dummdidumm hellwach. Nicht zu viel nachdenken. Nicht nach Gründen suchen. Unsicherheiten spüren Babies stärker, als Hunde die Angst riechen können. Ratatatatatatatatata bis 04:37 ratatataschlummbummdummschlummmmmmer.

Die 05:02-Furche: Ouiouiouiouiouiouioui! Das soll kein Seufzen auf französisch sein. Nein, es ist die Alarmanlage der Nachbarn, die die Nacht so gar nicht sanft ausklingeln lässt.

Die 06:27-Sorgenfalte: Lasse krabbelverrücktes Kind auf Wickeltisch liegen. 3,5 Sekunden lang. Was da passieren hätte können?

Der 08:25-Konzentrationsgraben direkt über der Nase: Baby schläft erschöpft im Auto ein, während meine ausgetrockneten Augen offen bleiben müssen, damit die drei Insassen am Leben bleiben.

Das naive 09:28-Hoffnungslachfältchen um die Mundwinkel: Therapeutin sagt, es ist eine kleine Blockade im Kopf und gelobt Besserung ab Übermorgen.

Also gehe ich erst am Freitag meine erste Antifaltencreme kaufen. Denn davor zahlt sich das gar nicht aus.