Stirbt der Journalist?

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Mannerfabrik eingestürzt“, habe ich letzten Freitag gelesen. Auf Facebook. Verfasser: Ein Freund einer Freundin. Beruf: Anwalt. Vor zehn Jahren noch, hätte ich bei dieser Meldung den teletext aufgedreht. Vor fünf Jahren hätte ich in die APA geschaut. Und letzten Freitag? Ja, letzten Freitag habe ich mein Handy genommen und auf vielstimmiges Gezwitscher gewartet, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht bei Twitter angemeldet war. Ein paar Sekunden später trudelten sie schon ein, die sekündlichen Updates. Ein Live-Ticker samt Schnitten-Witzen, den nicht einmal die Tageszeitung Österreich auf die Schnelle nachahmen konnte. Journalisten suchen via Twitter nach Augenzeugen, Sender bitten um Bildmaterial und auf Facebook wird nach Updates gefragt.

Da wird einem klar, die Nachrichtenübertragung hat sich wieder einmal geändert, ist einem permanenten Wandel unterworfen. Das ist auch gut so. Man stelle sich vor, Journalisten müssten immer noch, oder eben nur beinahe, über eine Marathon-Kondition verfügen, wie zur Zeit des Pheidippides. Ich müsste schleunigst mit dem Training beginnen. Doch wie wirkt sich das aus, dass die breite Masse auf Facebook, und die etwas speziellere (interest) auf Twitter entscheidet, worüber wir nachdenken sollen (agenda-setting)? Welche Aspekte müssen wir dabei bedenken, wenn Nachrichten, Meldungen aus sozialen Netzwerken bezogen werden? Dass die Zeitungen sterben ist ja zumindest theoretisch gesetzlich verboten worden (Das Rieplsche), aber was ist mit der Berufsgattung? Sterben die klassischen Journalisten langsam aus?

Von Menschen für Menschen

Alle dürfen mitmachen, Schlagzeilen tippen, Fotos vom Ort des Geschehens online stellen. Und der Rezipient kann die Nachricht dort abholen, wo sie passiert. Vielleicht sogar von den direkt Betroffenen selbst. Zugegeben, das ist spannend. Barack Obama informiert uns auf Twitter über den Wahlausgang. Peter Pilz sagt, was er aufdeckt und Justin Timberlake möglicherweise, wen er am Abend zudeckt. Selfies inklusive. Ich kann von Dominic Thiem persönlich erfahren, ob er ein Match gewonnen hat, und Matthias Peter in der Schweiz postet ein Foto von einem Laster, der auf der A1 Sojabohnen verloren hat. 20 Kilometer Stau. Wer ist Matthias Peter? Ich weiß es nicht. Aber er hatte eine Nachricht und er hat sie veröffentlicht. Vermutlich ohne journalistisches Know-how, ohne Ausbildung. Das ist sein gutes Recht. Während private Personen online zu Journalisten werden, werden Journalisten auf Twitter immer privater. Sie erzählen von ihrer Arbeit, diskutieren über Themen, die sie bewegen, lassen uns sogar mutig Anteil nehmen, wenn sie sich einer Chemotherapie unterziehen müssen. Knapp 122.000 Österreicher sind derzeit bei Twitter registriert. Wirklich aktiv davon ist nur die Hälfte. Und darunter tummeln sich so einige Journalisten. Sie agieren hier privat, ganz ohne Maulkorb. Ihre Nachrichten sind dadurch subjektiver, ein wenig personalisiert, aber auch unabhängiger und gratis. Dieser Trend setzt sich fort. Der ehemalige Kurier-Kolumnist Michael Hufnagl startet gerade ein neuartiges Projekt. Er bietet seinen Lesern unabhängige Berichterstattung. Analysen, Hintergründe. Der Leser bezahlt. Er verspricht: Keine Werbung, keine politische Einflussnahme. Die Plattform FischundFleisch kann sich vor Zusendungen und Klicks kaum retten. Hier darf jeder schreiben, der will, worüber er will. Er darf eventuell sogar Journalist werden, wenn es genug Klicks gibt. Arnie hat viele Klicks. Er schickt uns über die Plattform die Botschaft rüber, wir sollen uns „den Arsch aufreissen“. Roland Düringer erzählt etwas über den Wald und Conchita über das Reisen. Und wir? Wir wollen das selbstverständlich lesen.

Wo ich will, wann ich will!

Man möchte es nicht glauben, aber in dem Humboldtschen Spruch, so scheint es, steckt das Credo unserer Zeit. Rezipienten wollen alles on demand und möglichst schnell und am besten unterwegs. Wir zahlen Abos für Serien, über das Handy lesen wir Zeitung, persönliche Blogs und schauen uns Nachrichtenupdates an. Sehen den Anchorman in den Nachrichten, folgen ihm auf Twitter und lesen dann auch noch seinen Blog. Wir entdecken einen tollen Zeitungsartikel, schauen gleich nach, ob die Redakteurin auf Facebook ist, wo wir ihr Fan werden können. Je persönlicher, desto besser.

Aber was sind Tweets eigentlich, journalistisch betrachtet?

Der elder statesman Fritz Csoklich hat einmal gesagt, „der Zeitungsbericht ist der größere Bruder der Nachricht. Und die Meldung ihre kleine Schwester.“ Der Tweet ist nur verbal der Treffpunkt zwischen Ornithologie und Kommunikationswissenschaft. Er könnte demnach wohl so etwas wie der kleine Stiefcousin der Meldung sein, der längst seine ersten Schritte gemacht hat, aber immer noch nicht in ganzen Sätzen sprechen kann. Er darf aber auch einfach nur sinnloses Gelaber sein, ohne jeglichem Informationsgehalt. 140 Zeichen können die Twitterianer tippen. Nicht mehr, aber weniger. Was passiert dadurch mit einer Meldung? Sie wird im Idealfall auf das Wesentliche reduziert. Kurz, knapp, vielleicht ein wenig witzig, kritisch, ob ihrer Länge oft nicht sehr hintergründig, aber auf jeden Fall subjektiv. Twitterianer sind eigene Nachrichtenunternehmen, geführt als One-wo/man-show. Filtern, Selektieren, Formulieren, Senden. Alles von einer Hand. Natürlich ist Twitter kein Medienunternehmen. Aber viele verwenden es als solches. Allerdings gibt es keine offizielle Nachrichtenschleuse, keinen sogenannten Gatekeeper, ausser den Verfasser selbst, der sich selbst regulieren sollte. Und hier wird Noelle-Neumanns Schweigespirale so aktuell wie nie. Denn jeder will hier gefallen, jeder will ankommen, gelesen werden. So gesehen ist das kein Journalismus, sondern eher PR, Eigen-PR. Je mehr Likes, Favs, Follower und ReTweets, umso bekannter, umso besser, umso beliebter. Deshalb posten wir eher Meinungen, von denen wir erwarten, dass sie geteilt werden. Und jegliche Art von Shitstorm gilt es tunlichst zu vermeiden. Denn wer will schon alleine sein in einem ach so sozialen Netzwerk? Auf Facebook ohne Freunde, auf Twitter ohne Follower? Niemand.

Wird der Journalist noch gebraucht?

Wenn also heutzutage im Netz jeder berichten kann und darf, die Leser gerne Persönlicheres lesen und Politiker sowieso nicht auf ihre Fragen antworten, ist dann der Journalist eigentlich jemand, den die Welt gar nicht braucht? In den letzten zehn Jahren entwickelten sich Journalisten zu Allroundern. Wer in der Branche Fuss fassen wollte, zeichnete sich durch Schnelligkeit aus. Die bewegende Worte des Ex-Kriegsberichterstatters Fritz Orter über den Tod seiner Frau beinhalten auch noch eine andere Message, die zum Nachdenken anregt. Jungjournalisten wären Billigarbeitskräfte, diein drei Tagen das Unmögliche zustande bringen sollen, sechs Themen zu bearbeiten, über die zu recherchieren sie keine Zeit haben“, schreibt er am 19.10.2014 in der Tageszeitung Die Presse. Wenn das so ist, wodurch unterscheidet sich dann der heutige Journalist noch von dem gemeinen Twitterianer? In Anbetracht der Millionen Boten, die sich auf Twitter und Facebook tummeln, könnte man hier eine Beschneidung des Journalismus erkennen, aber eben auch eine Chance wittern, die der Branche das Überleben sichern kann. Eine Chance für Recherche, für Analyse, Hintergründe. Eine Chance für Journalisten wieder Experten werden zu dürfen. Experten nicht für fast eh alles, sondern für etwas weniger, vielleicht für nur noch so einiges.

 

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