Stadt, Land, Flucht!

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Bis zu seinem zweiten Geburtstag hat mein älterer Sohn seine Vormittage im Kindergarten verbracht. Am Nachmittag war er gemeinsam mit gleichaltrigen Kindern am Gatschplatz, auf verschiedenen Spielplätzen, in neueröffneten Bobocafés, im Kindermuseum, auf Biomärkten. Wir fuhren fast täglich Straßenbahn und U-Bahn und wohnten auf einer stark befahrenen Straße.

Jetzt ist er dreieinhalb. Wenn wir mit der U-Bahn fahren, fängt er an zu wimmern und steckt seinen Kopf in meine Jacke. Sie fährt ihm zu schnell, alles ist zu laut. Er zuckt zusammen und klammert sich an mich, wenn ein Auto hupt. Spielplätze interessieren ihn nicht mehr. Er spielt lieber im Wald. Er spricht alle! Leute an, die ihm auf der Straße begegnen. Wenn sie ihm zuhören, erzählt er, wie er heißt und wie alt er ist. Wenn wir die linke Weinzeile entlang fahren, zeigt er staunend aus dem Autofenster auf die dreistöckigen Häuser und ruft: „Mama schau, diese riesigen Hochhäuser!“

Was passiert ist? Wir sind aufs Land gezogen. Wir wohnen jetzt fünf Kilometer ausserhalb der Stadtgrenze. Das ist nicht viel, habe ich zuerst gedacht. Aber jetzt weiß ich, dass auf diesen fünf Kilometern ein paar Welten liegen.

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Das Dorf ist unsere neue Welt.

Am Anfang ist alles ein bisschen anders. Hier kommt der Bürgermeister persönlich vorbei und gratuliert zum Hauskauf. Im Nu erkennst du den Postboten am Motorengeräusch seines Mopeds. Und dir winken auf der Straße freundliche Leute zu. Du winkst zurück, obwohl du keinen blassen Schimmer hast, wer die überhaupt sind. Das ist ja sehr schön. Aber wo sind bloß all die Kinder? Die Spielplätze sind alle leer. Zuerst denke ich an Zufall, aber bald schon habe ich die traurige Gewissheit: Das ist immer so. Eine Nachbarin klärt mich auf: „Die Kinder hier schaukeln alleine in ihren eigenen Gärten.“ Hm. Wir haben keine Schaukel im Garten, also fahren wir halt wieder in die Stadt auf den Spielplatz. Dorthin, wo die anderen Kinder sind.

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Kleine Eremiten

Gleichaltrige Kinder gibt es hier also nur im Kindergarten. Für meinen älteren Sohn ist das ja in Ordnung. Aber wie soll mein jüngerer Sohn so Freunde finden? Wie soll er seine „social skills“ im Kampf um die besten Bauklötze mit anderen 0-jährigen trainieren? Während sein älterer Bruder in seinem Alter in der Stadt schon eine mittelgroße Gang zusammen hatte, ist der Jüngere mit seinen zehn Monaten hier ein kleiner Eremit geworden, ganz ohne Zottelbart. (Ich übrigens auch) Die öffentlichen Kindergärten starten erst ab einem Alter von zweieinhalb Jahren. Danke, Message angekommen: Landmama soll mit Kind zu Hause bleiben, bis der Kündigungsschutz abgelaufen ist und die Hausfrauenfalle zuschnappen kann. Da fühlt es sich doch so an, als wäre ich die fünf Kilometer hier heraus kleine Rückschritte gegangen. 

Bobos adé

Und jetzt sitze ich hier. Kann weder Nähen noch Stricken. Muss mich selbst beim Kochen irgendwie durchwurschteln. Kann nicht einmal mehr in den Bioladen laufen, um ein paar „leckere“ Grünkernlaibchen auf den Tisch zu zaubern. Hach, wie schön waren noch diese Zeiten: Schokostreuselfudgemuffins am Vormittag. Quiche mit Peperonata und Feta zu Mittag. Und am Nachmittag eine Fritz Kola. Das ist vorbei. Zu weit der Weg. Zu leer das Börserl. Ja, aber dafür haben wir das wundervolle Haus am Land.

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Abenteuer Landlebenliebe

Aber wenn man sich erst einmal ins Landleben stürzt, dann ist es viel aufregender, als man denkt. Und davon steht noch nicht einmal etwas in den Zeitungen. Nicht nur in den ländlichen Kellern verbirgt sich oft Unerwartetes. Nein, auch auf der Oberfläche lauern die Bestien. In unserer Straße treibt seit einigen Wochen ein Fuchs sein Unwesen. Er ist ein wahrhaft wandelbares Tier. Den Erzählungen zufolge manchmal riesengroß, angriffslustig und dann wieder ganz klein und schüchtern. Kinder weg von den Schaukeln, ab ins Haus. Fuchswarnung ist’s. Und dann gibt es auch noch die Nacktschnecken. Tiere, denen man nur als Gartenbesitzer wirklich nahe kommt. Viel zu nahe. Wer es schafft eine ganze Saison hindurch auf keine drauf zu treten, sollte eine Karriere auf der Slackline in Erwägung ziehen. (Für die Landpomeranzen: Slacklining ist so ähnlich wie Seiltanzen. Für die Stadtpomeranzen: Nacktschneckenschleim entfernt man am besten mit viel, viel Salz auf der Haut.)

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Wichtiges wird langsam dumm

Aber schleichend wird alles ein bisschen anders. Spielplätze sind nicht mehr so aufregend. Der Wald am Ende der Straße ist „eh viel cooler“. Kinder müssen meinetwegen nicht mehr süß angezogen sein, sondern einfach nur noch funktional. Ich selbst gehe in Schlapfen aus dem Haus. Mach mich in meiner Pyjamahose auf die Suche nach dem Fuchs. Na und? Wer sieht mich schon, ausser den lieben Nachbarn? Die bringen trotzdem Torte vorbei, wenn jemand Geburtstag hat. Und Obst und Gemüse, wenn geerntet wird.

Ratte vs. Ei

Ich war bisher eine Stadtratte. Meine Kinder sind ab jetzt Landeier. Was besser ist? Ich weiß es nicht. Ich bin mir sicher, in ein paar Jahren werden sie es richtig lieben. Sie werden durch die Wälder streifen, am Fluss spielen, Lager und Staudämme bauen, und abends werden sie verschwitzt und mit dreckigen Hosen nach Hause kommen. Wieder ein paar Jahre später werden sie an Landflucht denken, weil sie am Abend auf ein Konzert gehen wollen und ab Mitternacht öffentlich nicht mehr heimkommen. Sie werden es hassen, ich werde es lieben. Der Hausfrauenfalle mit Sicherheit entkommen (bätsch), werde ich mir in der Mittagspause einen Dürüm holen. Nach der Arbeit stört mich der Abendverkehr nicht, denn ich beiße genüsslich in einen Schokofudgevanillebrownie. Und den Sonnenuntergang bestaune ich Sommerspritzer schlürfend im eigenen Garten, auf einer quietschenden Hollywoodschaukel. Herrlich dieses Landleben.

 

Danke an meine liebe Freundin M. für die Inspiration.

Ein Gedanke zu „Stadt, Land, Flucht!

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