Stadt, Land, Flucht (Teil II)

ll3

Obwohl Stadt, Land, Flucht bei den Lesern so gut angekommen ist, hatte ich eigentlich beschlossen keine Fortsetzung zu schreiben, da wir ja wissen, wie Fortsetzungen im Allgemeinen beim Publikum ankommen. Doch dann ist mir etwas Verstörendes passiert, was mich dazu gezwungen hat, meine Meinung zu ändern. Ich hatte gerade das Haus verlassen, bin die Straße hinauf gegangen und ins Auto eingestiegen. Doch irgendetwas war anders. Da klemmte ein Zettel unter dem Scheibenwischer. Ich stieg also wieder aus und holte ihn hervor:

ll1

stand da.

Tja, auch das ist Landleben

Hier gibt es ungeschriebene Gesetze. Eines davon lautet: Parke entweder vor deinem Haus, oder vor gar keinem Haus. Brichst du diese Regel, wirst du freundlich (mit rosa Blümchen), dafür aber ganz bestimmt darauf hingewiesen, dass du dich mit deinem fahrbaren Untersatz hier so schnell nicht mehr blicken lassen solltest. Ja, ich weiß. Eigensinnige/artige Menschen gibt es überall. Auch in der Stadt. Aber das Ungewöhnliche an dieser Botschaft war, dass tatsächlich ein Name darunter stand. Das hat mich schwer beeindruckt, muss ich gestehen. In der Stadt ist und bleibt man gerne anonym. Möglichst unerkannt steigt WienerIn in die Straßenbahn ein, versteckt sich hinter einem Buch, der Zeitung oder dem Handy und steigt im Idealfall wieder aus, ohne mit irgendjemandem kommuniziert zu haben. Hier am Land steht man also sogar namentlich dazu, wenn man sich über etwas vollkommen Irrationales beschwert. Das gefällt mir irgendwie.

ll5

Das Dorf ist die Welt

Was mich hier ausserhalb der großen Stadt besonders irritiert hat, waren übrigens die Selbstverkaufstaschen an den Wochenenden. An jeder Ecke gibt es hier massenhaft Stückerl vom Boulevard, aber Qualität sucht der Zeitungsfreund und -fladerer hier seltsamerweise vergeblich. Auch mein Abo hat’s nie hier heraus geschafft. Dabei ist doch der Horizont am Land zwangsläufig weiter, dachte ich. Oder nicht? Andererseits ist das eigentlich egal. Wer hier informiert sein will, braucht gar keine Medienlandschaft. Nur eines ist schneller als Scheibenwischernachrichten, Bote, Brieftaube, Druckerpresse, Äther und Breitband zusammen: Der Dorftratsch. In der Apotheke hörst du alles von der tragischen Knollenblätterpilzvergiftung. Beim Fleischer wird über die gerade eskalierenden Nachbarschaftskriege und die neuesten Scheidungsfälle diskutiert. Und in der Trafik erfährst du mehr über die laufenden Insolvenzverfahren. Zu jedem Einkauf gibt es ein schnelles Nachrichten-Update gratis dazu. Und wenn du etwas verpasst hast, dann gehst du einfach auf das Feuerwehrfest, dem gesellschaftlichen Highlight des sozialen Landlebens. Wenn du es da schaffst, nicht allzu viel zu trinken, weißt du am nächsten Tag mehr über deine Mitmenschen, als dir vielleicht lieb ist.

ll4

Von jedem Eines

Apropos Geschäfte. Eigentlich gibt es hier alles, was du als Mensch so brauchst. Eine Post, eine Apotheke, einen Gemischtwarenladen, ein Schwimmbad, einen Schreibwarenladen, ein Schuhgeschäft, ein Weingeschäft und einen Buchladen. Ich weiß das sehr zu schätzen. Denn ich erhoffe mir, dass ich in ein paar Jahren in das Buchgeschäft gehe und mir dort Bücher angeboten werden, die Amazon mir nicht vorschlägt, nicht vorschlagen kann, weil es sie dort nicht gibt. In der Trafik wird mir bald zum hundertsten Tschickpackerl ein Feuerzeug geschenkt (Zu dumm nur, dass ich seit fast fünf Jahren nicht mehr rauche). Der Weinhändler wird mein Geschmack irgendwann besser kennen, als ich selbst und die Verkäuferin im Drogerieladen wird meinem Teenagersohn die Schamröte ins Gesicht kichern, wenn sie sagt: „Dich habe ich ja schon gekannt, als deine Mama immer die Windeln für dich geholt hat.“ Das Angebot hier ist wirklich breitgefächert, finde ich. Denn schließlich gibt es auch Dörfer, da gibt es von all dem nicht eines, sondern gar keines. Ausser Parkplätze, die gibt es am Land immer. Aber bitte nicht vergessen: Nicht überall, wo ein Parkplatz ist, ist auch wirklich ein guter Platz zum Parken.

ll2

Nun überlege ich doch tatsächlich, ob ich nicht dem Bürgermeister einen Brief schicken soll. So eine Art Wunschzettel für Weihnachten. Das macht zwar den Anschein, ich hätte nichts Besseres zu tun, aber vielleicht habe ich ja tatsächlich nichts Besseres zu tun. In der Hoffnung, dass zumindest der letzte Punkt erfüllt wird, würde folgendes darauf stehen:

Lieber Bürgermeister, ich wünsche mir:

  1. Bitte eine multikulturellere Dorfküche. Vorzugsweise (von West nach Ost) Türkisch, Vietnamesisch, Japanisch.
  2. Bitte Kinderbetreuungsplätze ab Alter spätestens 1+, Kinderspielgruppen, Kinderveranstaltungen
  3. Bitte eine S-Bahn-Anbindung mit 10-minütiger-Frequenz (mindestens 6-24h)
  4. Bitte Güterzüge sollen ab sofort auf samtenen Schienen fahren
  5. Und bitte eine Selbstverkaufstasche mit Qualitätszeitungen pro Quadratkilometer. Das wäre sehr schön. Danke.

Eines weiß ich: In Wien, ja in Wien, würde so ein Wunschzettel am Herzerlbaum im Park sicherlich mehr Beachtung bekommen, als im Rathaus selbst. Aber da ist eben Wien anders. Zumindest gelesen wird mein Wunschzettel hier im Dorfe bestimmt, wahrscheinlich sogar vom Bürgermeister persönlich. Ich würde dafür sogar mit meinem echten, richtigen Namen unterschreiben, so wie es sich hier gehört.

Mir fällt da noch so einiges über das Landleben einer Städterin ein. Ach herrje, ich befürchte also, es wird noch eine Fortsetzung von der Fortsetzung geben.