Lügen (nicht) erlaubt?

Gesellschaftlich akzeptiert: Märchenlügen mit den Protagonisten Christkind, Zahnfee und Co in den Hauptrollen. Gerade noch legitim, weil sie dem höheren Zweck dienen: Flunkereien wie „Der Zahnarzt wird schimpfen, wenn du jetzt noch ein Zuckerl isst“. Umstritten sind allerdings leere Drohungen wie „Ich gehe, wenn du jetzt nicht kommst!“.

 

Es kursiert folgendes unbestätigte Gerücht: Der Mensch lüge 200 Mal am Tag und schon Friedrich Nietzsche war sich sicher: „Die Menschen lügen unsäglich oft.“. Dem will ich nicht widersprechen, sondern füge die Behauptung hinzu: Die Gattung Eltern lügt in schwierigen Zeiten öfter als oft. Eine Flunkerei hier, eine kleine Notlüge da und eine Ausrede obendrauf – sie erleichtern uns den Alltag und schaden den Kindern nicht, sofern sie uns nicht auffliegen lassen. Dachte ich jedenfalls bevor ich begonnen habe, diesen Artikel zu schreiben. Im Zuge meiner Recherche bleibt Kinder belügen nicht folgenlos und meine kleine Umfrage auf Facebook und Twitter ergibt, dass es sich dabei um ein Vergehen mittleren Schweregrades handelt. Zumindest im virtuellen Anklageraum.

 

Schuldig!

Keine Angst: Ich werfe bestimmt nicht den ersten Stein, denn ich bin schuldig im Sinne der redaktionellen Anklage, aus Erfahrung berichten zu können. Mit der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit nehme ich es nicht immer ganz so genau. Der Mund unter meiner langen Pinocchio-Nase sagt: „Der Schlecker macht deine Zähne kaputt“, obwohl ich weiß, dass ich hinterher bloß sehr gründlich Zähne putzen müsste, um Schlimmes zu verhindern. Wenn der Tag schon sehr lang war, sage ich: „Schlaf schnell ein, dein Träumelein wartet schon auf dich“, obwohl ich weiß, dass das Kind träumen wird, egal wann es einschläft. Ich lobe meine Kinder und sage „Das machst du ganz großartig“, wenn ich sehe, dass sie sich bemühen, aber sich dabei tollpatschig anstellen. Früh genug sind sie Teil unserer Leistungsgesellschaft, in der Watte keinen Platz hat. Und ich verharmlose die schrecklichen Dinge, die in der Welt passieren, weil ich meinen Kindern im zarten Alter nicht mit den Grausamkeiten der Erwachsenenwelt konfrontieren will. Ja, ich finde das fällt auch unter Lügen, wenn wir ganz streng sind. Aber das sind gute Lügen, zu denen ich stehe, weil ich weiß, dass ich meinen Kindern nicht damit schade. Es gibt einfach Dinge, die zu gewaltig sind als dass sie für kleine Ohren bestimmt wären.

 

Magische Kindheit vs. Druckmittel Christkind

Unser Land scheint nicht nur in politischer Hinsicht gespalten zu sein, sondern möglicherweise auch was das Lügen zu Erziehungszwecken betrifft. Die Einen meinen, Flunkern ist erlaubt und tun es sogar oft unbewusst. Andere wiederum sind der Auffassung, dass Lügen unseren Kindern schaden. Eine Freundin erzählt mir, wie furchtbar es für sie ist, dass ihre 5-jährige Tochter von der Nonexistenz des Christkindes erfahren hat. Ihr war es wichtig gewesen für ihre Tochter den Zauber der Kindheit noch ein wenig zu bewahren. Eine andere Freundin sagt, sie hält Eltern für schwach, die ihre Kinder anlügen. Der Hase ist höchstens im Bett ein Kuschelkumpane, oder die Figur in einer fiktiven Ostergeschichte. Aber niemals würde sie ihrem Kind erzählen, dass es einen Hasen gibt, der Hühnereier bemalt und versteckt.

 

Lügen ist eine Kunst

Schon Oscar Wilde sagte: „Das Lügen und das Dichten sind Künste.“ Und ja, das finde ich auch. Doch wo fängt die gemeine Lüge an und das harmlose Geschichten erfinden auf? Beides erfordert Geschick und Fantasie. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen unnötiger und folgenschwerer Lüge und der Kunst des Geschichten ausdenken. Es gibt diesen berühmten Satz, den Eltern gerne sagen, bevor das ohnehin schon verängstigte Kind eine spitze Nadel in die Haut gestoßen bekomme. Nämlich: „Das tut eh gar nicht eh.“ Diese Lüge ist nicht nur dumm, weil Kinder wenige Sekunden später wissen, dass sie einer dreisten Lüge auf dem Leim gegangen sind. Viel schlimmer noch: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Vertrauensverlust zwischen Eltern und Kind ist schlimmer als die spitzeste und dickste Nadel. Was aber erlaubt ist, finde ich, ist das gemeinsame Lügen, das Träumen und Fantasieren. Diese kindlichen Eigenschaften kann man fördern oder sie zerstören. Wenn ich in die Träumereien meines Kindes im magischen Alter ständig mit der Realitätsbombe hereinplatze, werde ich ihm die Lust am Träumen nehmen. Irgendwann lernen Kinder ganz von selbst zwischen Realität und Fantasie zu differenzieren, ich muss es nicht mit der Wahrheitskeule dazu zwingen. Und insbesondere clevere Kinder lassen sich sowieso nicht so leicht beirren, wenn sie angeflunkert werden. Sie erkennen jede kleinste Unsicherheit schneller als der genaueste Lügendetektor, riechen Unwahrheiten besser als Schokolade. Ich bin der Meinung, dass unsere Kinder ein deutliches Zeichen geben, wenn sie der Wahrheit auf den Grund gehen wollen. Wer denkt Kinder belügen ist ein Leichtes, belügt sich selbst. Sie sind kleine CIA-Agenten und haben Verhörtechniken besser drauf als jeder Polizist, der über eine geschulte Vernehmungstaktik verfügt. Sie werden niemals müde nach dem „Warum“ zu fragen, oder sich mit einem „In echt?“ zu vergewissern. Wenn Kinder nachfragen, finde ich, sollte man die Wahrheit sagen, wenn man zuvor nicht bei ihr geblieben ist. Wenn nicht, könnte dies schwere Folgen haben.

 

Der Lügenstammbaum

Langnasige Eltern haben langnasige Kinder. Das sagt nicht nur die Genetik, sondern im übertragenen Sinne auch ein Verhaltensexperiment, das an der Universität von Kalifornien durchgeführt wurde. Die 5 – 7-Jährigen Testpersonen lügen eher, wenn sie davor angelogen wurden. Das beweist, dass Eltern sorgfältig mit ihrer Vorbildfunktion umgehen sollten. Das Absurde daran: Studien zeigen, dass Ehrlichkeit für Eltern eine wichtige Tugend darstellt, die sie ihren Kindern vermitteln wollen, aber gleichzeitig nicht davor zurückschrecken ihre Kinder dann und wann zu belügen. Dass beides in einem kausalen Zusammenhang stehen könnte, sollte uns Eltern bewusst sein. Lügen haben immer erst lange Beine, bevor sie kurze bekommen. Also Obacht. Lügeneltern laufen Gefahr ganze Generationen nach ihnen flunkertechnisch zu versauen und einen Stammbaum voller Lügner zu züchten.

 

Faktencheck: 1/5 der AmerikanerInnen erzählt Kindern, dass sie vom Lügen eine lange Nase bekommen. 2/5 der Chinesen.

 

Gratuliere, ihr Kind lügt!

Kein Grund jetzt die Schuld auf sich zu nehmen, wenn es die Kleinen mit der Wahrheit ganz und gar nicht genau nehmen. Es liegt nicht nur an uns Eltern, wenn Kinder scheinbar etwas falsch machen. Rückendeckung bekommen sie nämlich nicht nur von Mister Wilde, sondern auch von Entwicklungspsychologen. Kinder, die flunkern, verfügen über eine hohe soziale Intelligenz. Sie sind besonders kreativ und fantasievoll. Erst ab einem Alter von fünf bis sechs Jahren lernen sie langsam zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden.

 

Während unsere Kinder uns also weiterhin ungestraft ins Gesicht lügen dürfen, sollten wir uns an der Pinocchio-Nase nehmen und es mit der Wahrheit ein bisschen genauer nehmen, so wahr uns das Christkind dabei helfe.

 

erschienen in Tipi – Das moderne Magazin für die Familie

(Ausgabe Herbst 2016)

 storch

 Nase

 

9 Gründe, warum Sie mein Buch NICHT kaufen sollten

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  7. Sie machen immer alles richtig und ihre Kinder sind seit ihrer Geburt freundlich, höflich und wohlerzogen? Weinen nie und hatten noch niemals einen miesen Tag? Dann gratuliere ich herzlich. Sie können sich gerne mein Buch kaufen, doch Sie werden keine Freude daran haben, weil sie kein Wort von dem verstehen werden, was Sie lesen.
  8. Wenn Sie der Meinung sind, dass Frauen, die den Spagat zwischen Beruf und Kindern als anstrengend empfinden, sich lieber ein Meerschweinchen zulegen hätten sollen, dann wird für Sie das Lesen meines Buches ein einziges Ärgernis. Schaffen Sie sich besser einen Goldfisch an.
  9. Sie sind noch nie müde mit Babykötzchen an der Schulter auf der Couch gesessen und haben gedacht „Ich kann nicht mehr“? Auch dann ist mein Buch leider nichts für Sie. Bitte umtauschen.

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