Mensch, du bist eine grausame Bestie!

bestie

Menschen erschrecken mich. Nein, ich fange anders an:

Neulich saß ich in der Straßenbahn. In Begleitung meines fast vierjährigen, jegliche Informationen, Situationen, Bilder in sich aufsaugenden Sohnes. Als wir gerade aussteigen wollten, beobachteten wir folgende Szene. Wenige Meter von uns entfernt kam ein Mann auf eine Frau zu. An seiner Mimik war zweifelsfrei zu erkennen, dass er etwas sagen wollte. Doch dazu kam es nicht. Die Frau zuckte mit den Schultern, deutete mit einem Finger auf ihr Ohr und schüttelte dabei den Kopf.

Sie gab ihm zu verstehen, dass sie ihn nicht verstehen konnte.

Der Mann ging weiter und fragte den Nächsten. Ich vermute, er erkundigte sich nach dem Weg, denn der Gefragte fing an mit seiner Hand in eine Richtung zu deuten. Ich stand zu weit weg, um irgendetwas zu verstehen. Nachdem wir ausgestiegen waren, kreuzte unser Weg den der Frau, die entweder gehörlos oder unserer Sprache nicht mächtig sein musste. Dachte ich zumindest. Sie hatte wohl bemerkt, dass ich und mein Sohn die Szene beobachtet hatten und sagte lachend, ja lachend, zu uns: „Manchmal ist es besser, so zu tun, als würde man nix verstehen.“ Ich schaute sie ungläubig an. Dann zuckte ich mit den Schultern und deutete auf mein Ohr. Dabei schüttelte ich den Kopf.

Ich gab ihr zu verstehen, dass ich sie nicht verstehen konnte.

Menschen erschrecken mich. In der U-Bahnstation Volkstheater lag Anfang Jänner über unfassbare fünf Stunden ein sterbender Mann im Aufzug. Menschen sind über ihn drüber gestiegen, standen daneben, schauten nicht hin, ignorierten ihn. Haben ihn sterben lassen. Was für Menschen sind das, habe ich mich gefragt. Die bewusst wegsehen, wenn jemand Hilfe braucht. Offenbar sind es einfach Menschen. Zivilcourage ist die Ausnahme, nicht die Selbstverständlichkeit.

Doch eines weiß ich: Wegsehen und Weghören muss auch erst gelernt werden. Denn Kinder, die sehen hin. Die schauen nicht weg. Und ich will nicht, dass mein vierjähriger Sohn das Wegsehen lernt. Demnach habe ich mich selbst beim Aussteigen aus der Straßenbahn vollkommen falsch verhalten. War das schlechteste Vorbild, das man überhaupt sein kann. Ich dachte, ich verpasse der Frau einen Denkzettel, indem ich es ihr gleichtue. Stattdessen hätte ich zu dem Mann gehen müssen und ihn fragen, ob wir ihm an Stelle der Frau behilflich sein können. Den Mann, der Hilfe gebraucht hat, den hätte ich beachten müssen, anstatt die Frau mit Missachtung zu bestrafen.

Helfen sollte selbstverständlich sein. Nicht Wegschauen, oder Weghören. Denn Menschen sind keine Bestien. Sie werden erst zu welchen.