Mama sagt „Ja“

ja

Was passiert, wenn wir unseren Kindern alles erlauben? Kürzlich las ich einen Artikel, in dem eine Mutter erzählt, was geschah, als sie ihren Töchtern alles erlaubte. Ihre Kinder wünschten sich kaum Spielzeug, sondern hauptsächlich gemeinsame Zeit. Es war der schönste Tag, den sie seit langem gemeinsam verbracht hatten. Ich begann zu grübeln. Wie oft verbiete ich etwas, verhindere, zügle, wie es so schirch heißt?

Ich weiß, dass ich ein großes Risiko eingehe, aber ich will das mit meinem Riesenzwerg (gerade vier Jahre) und dem Zwerglzwerg (1,5 Jahre) auch versuchen. Herausfinden was passiert, wenn ich ihnen alles erlaube. Der Zwerglzwerg wird zwar Steine lutschen und in der Toilette planschen wollen, aber dann müssen wir eben den Steinen und Toiletten aus dem Weg gehen. Den Riesenzwerg kann ich schwer einschätzen. Manchmal ist er sehr vernünftig, manchmal jedoch unberechenbar und aktiv lebensmüde. Als ich in der Früh aufwache, habe ich Angst. Letzte und sehr große Zweifel überkommen mich.

06:30 Uhr: Wir gehen noch einmal die Regeln durch. Erstens: Niemand soll leichte bis schwere Verletzungen davontragen. Zweitens: Wir wollen bis zum Abend nicht den Privatkonkurs anmelden müssen. Er unterbricht mich und sagt „Danke“. Ich befürchte, die Regeln werde ich ihm doch noch öfters in Erinnerung rufen müssen. Es geht los.

06:35 Uhr: Riesenzwerg spricht seinen ersten Wusch aus: Schauen wir uns das Dinosaurierbuch an. Ich nicke zuversichtlich. Also nicht der übliche Morgenstress mit Milch, Frühstück, Zähneputzen, Waschen, Anziehen inklusive Trotzanfall. Wir bleiben im Bett und lesen. Ich bin plötzlich sehr optimistisch, dass wir den Tag überleben werden.

07:11 Uhr: Entspannt starten wir den Tag Richtung Frühstück. Der Zwerglzwerg verlangt lautstark „Berbi“ und bekommt seine Erdbeeren. Der Riesenzwerg bittet zuerst um Schnitzel, kommt dann aber zum Glück ganz von selbst zur Vernunft und ordert Müsli mit Erdbeeren. Im selben Atemzug gibt er die Bestellung für das Mittagessen auf: „Schokofondue. Das hatten wir noch nie“, schreit er fröhlich. Ich schlucke. Kurze Zeit später, gibt er feierlich bekannt heute nicht in den Kindergarten gehen zu wollen. Ich schlucke noch einmal. Er hat wohl geknissen, dass der Ja-Tag nur mit der Mama funktioniert. Im Kindergarten gelten eben (andere) Regeln.

07:35 Uhr: Beim Essen will Riesenzwerg Geschichten erzählen. Ja, du darfst, sage ich gnädig. Läuft ja ganz gut bisher, denke ich viel zu früh, ich Närrin.

07:50 Uhr: „Wir wollen die Wand anmalen“, ruft der Riesenzwerg und hüpft im Kreis. „Ich will Drachen haben.“ Ich habe ohnehin mit dem Schlimmsten gerechnet. Auch in dem Artikel, den ich gelesen hatte, wollten die Mädchen die Wand anmalen. Mit Zeichentalent sind wir leider alle nicht gesegnet und deshalb einigen wir uns darauf Handabdrücke als Drachenzacken auf die Wand zu klecksen. 35 Sekunden später sind wir alle angemalt, nicht nur die Wand.

09 Uhr Der Riesenzwerg darf sich selbst anziehen. Das darf er sonst auch, aber meist muss ich doch eingreifen, weil Badehose und Ruderleiberl nur im Hochsommer durchgehen. Er wählt ein T-Shirt aus dem Kasten. Meinem Kasten.

09:16 Uhr: Ich muss einkaufen gehen. Riesenzwerg in seinem viel zu großen T-Shirt will nicht mit und schlägt stattdessen vor die Nachbarn zu besuchen. Alleine? Ja, alleine! Wir läuten an und der Riesenzwerg darf tatsächlich bleiben. Als wir uns verabschieden, gibt er noch bekannt, dass ich ihm eine Überraschung mitbringen dürfe. Wortwörtlich: „Du darfst ein Spielzeug aussuchen und es mir herbringen“. Normalerweise würde ich lachen und sagen „Sicherlich nicht“. Heute lache ich und sage: „Ja“. Meine Zweifel fühlen sich bestätigt. Ich glaube, es gibt Kinder, die können mit zu vielen „Ja“s nicht umgehen. Werden auf einen Schlag größenwahnsinnig und nutzen eiskalt jede Gelegenheit aus. Riesenzwerg ist so ein Exemplar, befürchte ich. Aus dem Ja-Sage-Tag ist ganz schnell ein Wünsch-dir-alles-was-du-willst-Tag geworden.

10 Uhr: Wir essen Jause. Beide Kinder gatschen, machen Bananamalerei auf dem Holztisch und freuen sich des Gatschens. Ich überlege langsam, ob das überhaupt gilt, denn sie haben ja gar nicht gefragt, ob sie herumgatschen dürfen und ich habe somit gar nicht „Ja“ sagen können. Mist! Eine verfluchte Grauzone. Ich bin verunsichert und weil Kinder so etwas sofort spüren, entscheide ich zögerlich ihre Kunstwerke zu bewundern. Wohlwissend gerade den Fehler meines Lebens zu machen.

10:16 Uhr: Wir spielen Massenkarambolage mit den Autos, bauen Drachenhöhlen, verstecken uns im Kasten, hupfen wild auf dem Bett, räumen alles aus den Kästen aus. Dazwischen wische ich Bananengatsch weg und die Farbe vom Boden auf.

11:20 Uhr: Zwerglzwerg kippt vor Müdigkeit um. Riesenzwerg will jetzt fernsehen. Ich sage „Ja. Ja. Ja. Jaaaaaaaaa“, freue mich und fühle mich irgendwie schlecht dabei. Wir hatten großen Spaß bis jetzt. Keinen einzigen Wutanfall. Von Trotz keine Spur. Niemand hat geweint. Aber ich bin fix und fertig und überlege, ob ich noch genug Kräfte habe, um den Tag zu überstehen.

13 Uhr: Schokofondue. Der allerletzte Osterhase im Nest muss daran glauben. Wie sich aber bald herausstellt, stirbt er den qualvollen Schmelztod völlig umsonst, denn der Riesenzwerg macht gerade zwei Bissen und der Zwerglzwerg will nur das Obst, ganz ohne Fondue.

14 Uhr: Wir spielen im Garten. Fast glaube ich, der Riesenzwerg hat vergessen, dass ich zu allem „Ja“ sagen muss. Doch dann zieht er sich die Schuhe aus und hüpft in den Gatsch. Er weiß, dass ich ihm das bei diesem Wetter verbieten würde. Wir sehen uns an und nicken uns verschwörerisch zu. Zwerglzwerg macht es ihm nach. Denn er macht alles nach.

15:25 Uhr: Dreckig, aber glücklich gehen wir wieder rein und ich weiß jetzt: die Ruhe im Garten war vorher, der Sturm tobt herinnen. Die Kinder fangen an, die Essensladen aufzumachen. Alle Verpackungen aufzureissen. Kuchen zu kosten. In die Salami zu beissen. Sie futtern sich quer durch die Küche. Der Zwerglzwerg scheinbar doch mit einem Fünkchen Gewissen ausgestattet, holt ca. 200 Feuchttücher aus der Verpackung und wischt das Lebensmittelmassaker auf, naja oder besser herum. Dabei sagt er kopfschüttelnd „Nein, nein, nein“. Vielleicht erklärt er mir gerade, dass es jetzt bald wieder Zeit wäre für einen Nein-Tag.

16:30 Uhr Wir gehen ins Kinderturnen. Riesenzwerg sagt, ich dürfe ausnahmsweise die Garderobe verlassen, aber ich müsse ihm dafür beim Abholen ein neues Auto mitbringen. Aye Aye, Sir. Schließlich ist Ja-sage-Tag. Und diesen werde ich in exakt drei Stunden für beendet erklären. Das Ziel ist erreicht. Wir haben ihn überlebt und pleite machen uns die 6,99 Euro für das Auto auch nicht.

Nachtrag: Am nächsten Morgen weckt mich der Riesenzwerg mit den Worten: Na gut. Heute darfst du bestimmen. Und morgen dann wieder ich. Da lache ich laut und sage nicht „Ja“, sondern: „Nein. Ganz sicher nicht.“

 

erschienen in Tipi – Das Magazin für die Familie (Ausgabe Sommer 2015):

Mama sagt Ja