Kennst du das noch?

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Das Gefühl, wenn du einen analogen Film ausfotografierst, ihn ins Labor bringst und es nicht mehr erwarten kannst, bis du die Fotos endlos lange 48h später endlich in den Händen hältst und dann nervös durchblätterst? Es ist weg, weil du jetzt knipst und auf das Display schaust.

Das Gefühl, wenn du dir ein Buch bestellst, das gerade nicht auf Lager ist, und Tage später der Anruf aus der Buchhandlung kommt, dass du es dir jetzt abholen kannst? Es ist weg, weil du kannst jetzt klicken, kaufen, herunterladen und sofort lesen.

Das Gefühl auf den Postboten zu warten, der die Zeitung zu dem Kaffee bringt. Es ist weg, denn du hast längst mehrere Zeitungen online überflogen.

Dieses Gefühl, wenn du auf die ZiB 2 wartest und gespannt bist auf den Wolf’schen Witz. Es ist weg, denn du hast schon tagsüber zwanzig Tweets von ihm gelesen.

Dieses Gefühl, wenn du eine Sendung auf PULS 4 ( mindestens ausgleichende Gerechtigkeit muss sein) verpasst hast, die du gerne sehen wolltest. Es ist weg, weil du es sofort „on demand“ nachholen kannst.

Das Gefühl, wenn du etwas Lustiges oder Aufregendes erlebt hast, aber bis zum nächsten Tag warten musst, bis du es jemandem erzählen kannst. Es ist weg, weil du es auf Facebook längst gepostet hast, bevor du es jemandem erzählen konntest, von Angesicht zu Angesicht.

Diese Gefühle sind vom Aussterben bedroht. Das ist auch gut so, finde ich. Denn das kennzeichnet eben die Zeit, in der wir leben. Es gibt dafür jetzt andere Gefühle:

Die Erleichterung, weil du das hässliche Foto von dir schnell löschen konntest, bevor es jemand anderer gesehen hat.

Das Hungergefühl, weil du dir nichts mehr zum Essen kaufen kannst, weil du dein gesamtes Geld für Bücher in zehn Sekunden ausgegeben hast.

Das Gefühl nur halb informiert zu sein, weil du keinen einzigen Artikel zu Ende gelesen hast.

Anerkennende Ohnmacht, ob der medialen und politischen Informiertheit von Armin Wolf und der „Twitterlite“. (Wie machen die das nur?)

Wiedersehensfreude, weil du dir deine Lieblingssendung in Dauerschleife ansehen kannst.

Und ungewisse Trauer, weil jemand wohl gestorben ist, der seit drei Wochen nichts mehr auf Facebook gepostet hat.

Ich vermisse die alten Gefühle manchmal, euphorisch auf etwas zu warten. Auf etwas warten zu müssen. Deshalb habe ich gestern Fotos bestellt, im Labor: 341 Stück. In verschiedenen Größen. Einige matt, viele glänzend. Manche ohne Rand und einige mit Rand. Schwarz oder weiß, in unterschiedlicher Breite. Eine Stunde später bekam ich ein E-mail zugeschickt: Die Fotos sind abholbereit.

Tolles Service!

 

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