Johanna in Traiskirchen

Ein Vormittag in einer WG. Mitten im 7.

johanna

„Ich habe so viele Decken. Da kann ich welche hergeben“, sagt der Werner. „Niemand soll da draussen frieren.“ Dabei schlängelt er seine Ärmchen um sich selbst und tut so als würde er vor Kälte zittern. Die Heizung rennt. Mitten im August. Dann wirft er das Wollknäuel zum Hans-Jörg.

Gekonnt fängt er mit einer Hand – denn er war in der Schule der beste im Handball -, zuckt mit den Achseln und sagt: „Ich schau mal unter der Couch nach. Da findet sich bestimmt etwas Kleingeld. Das kann man eh absetzen, oder Reinhold?“

„Ja, auf der alten Couch kann man leiwand absitzen. Oder wir nehmen die einfach auch gleich mit. Dann sparen wir uns den Abtransport, wenn sie ganz grauslich ist. Gut gewirtschaftet!“ lächelt Reinhold stolz und zwinkert der Sophie dabei zu.

Die war auch nicht untätig. Nach einer repräsentativen Umfrage in der WG, wer sich denn um die Kinderbetreuung vor Ort kümmern könnte, meldet sie sich schließlich selbst. Sie packt auch gleich eine Menge Spielzeug mit ein. Auch Johannas Berli. Die steht wütend auf und reißt der Sophie das Berli wieder aus der Hand, geht in ihr Zimmer und knallt die Tür zu.

„Die Festivalsaison ist eh vorbei. Ich spende meinen Schlafsack“, sagt die Gabi und wirft die Wolle zum Sebastian. Er fängt nicht, weil seine Hände gerade eine widerspenstige Haarsträhne zähmen.

„Ich sorge für Haargel. Niemand soll zu kurz kommen“, scherzt er, lächelt verschmitzt und fährt sich jetzt ganz bewusst im Zeitlupentempo durch die Tolle.

„Ja, das überrascht mich jetzt eigentlich nicht, dass mir niemand das Wollknäuel zuwirft“, sagt die Johanna, die durch den Türspalt lugt und  dabei zornig ins Leere starrt.

In dieser Leere steht aber gerade wiedermal ganz zufällig der Alois herum. Er freut sich, dass er endlich einmal das Wort zu haben scheint und ruft so laut er kann: „Na dann schau ich mal, was meine Freunde von den Pharmafirmen locker machen können.“ Dummerweise war sein lautes Rufen so leise, dass niemand den Alois gehört hat. Aber da er ohnehin selbst noch Hustenzuckerl aus der Apotheke holen muss, zieht er schon mal los. Mit einer Herrenhandtasche vollgestopft mit Medikamenten trifft er am Nachmittag in Traiskirchen ein, sagt freundlich „Hellooooo“ und verteilt weltmännisch lächelnd ein paar Pflaster durch den Zaun. „Wenigstens hier hören mich die Menschen“, denkt er glücklich.

Und da kommen auch schon die anderen. Alle sind sie da. Sonja, Andrä, Josef, Gerald, der gar nicht dumm an Planen und einen Regenschutz gedacht hat. Sogar der Werner ist da. Und auch die Johanna ist gekommen. Doch was ist das da unter ihrem Arm? „Baba Berli“, sagt sie und streckt ihn seufzend einem überglücklich lächelnden Mädchen entgegen. Doch loslassen will sie noch nicht, die Johanna. Das Mädchen packt fester zu. „Tu es Johanna. Du kannst es!“, rufen jetzt alle. „Du wirst sehen. Sie braucht ihn mehr als du.“ Da lockern sich ihre Finger, die sich wie Krallen in das Fell gebohrt haben. Und tatsächlich die Johanna lässt ihn los, den Berli. Das kleine Mädchen nimmt überglücklich den Teddy und presst ihn an sich.

Da kullert der Johanna eine kleine Träne über ihre zuckende Wange. „Helfen ist wichtig. Helfen ist schön“, hört man sie vor sich hinmurmeln.

„Kommt Leute, wir fahren nach Hause und holen noch mehr!“, ruft der Alois. Diesmal haben ihn alle gehört!

 
Warum helfen gerade die nicht, die wirklich etwas bewegen könnten?