Jauchzen statt Sudern?

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(Teil II)

Zur Erinnerung: Ich habe folgende Hypothese aufgestellt:

 Das Sudern ist verantwortlich für den Stillstand in diesem Land.

Das Experiment:

Ich habe beschlossen: Schluss mit Sudern. Ein Selbstversuch.

Zumindest einen ganzen Tag ohne. Ist das zu schaffen? Als zusätzliche Herausforderung will ich jauchzen, wenn etwas Gutes passiert. Zur Wiederbelebung des entzückenden Wortes „jauchzen“, und weil hierzulande dieser Tage überhaupt zu wenig gejauchzt wird.

 

Stunde 1: Die ersten fünf Minuten fühle ich mich irgendwie unösterreichisch. Fast wie auf Urlaub. Euphorisch, aber auch verunsichert. Ich versuche also einfach einmal probehalber zu jauchzen. Klappt nicht. Da kommt nur ein erleichtertes „Ahhhhhh“. Wie geht das Jauchzen eigentlich? Kann man das googeln? Dann fällt mir durch mehrere einstimmende „Äääähhhh“s in meiner unmittelbaren Umgebung auf, dass ich ja von kleinen Nachwuchs-Suderanten umgeben bin. Das macht die Sache nicht einfacher. Ich trotze dem Trotz und lächle also vor mich hin, statt zu jauchzen. Dann erteile ich mir selbst Handyverbot. Denn wer telefoniert, könnte jammern. So routiniert bin ich noch nicht im Nichtjammern, dieses Risiko einzugehen. Auch auf Facebook schaue ich nicht. Da wimmelt es gerade zu von kleinen Raunzgeschichten. Die einen sudern über das schwüle Wetter. Migräne hier, Schlaflosigkeit dort. Die anderen jammern, dass sie beim Arzt zu lange warten müssen. Und dann kommen noch die Raunz-Mitleids-Postoperationsfotos. Die Mitraunzgefahr wäre zu groß. Also Handy weg. Davor google ich aber noch „jauchzen“. Aha, Möwengeschrei also. Ein Grund zu jauchzen? Wohl, wohl, weil wieder etwas dazu gelernt. Aber zuerst muss ich herausfinden, wie das geht. Jubelgeschrei? Frohlocken? Jubilieren? Es beutelt mich, ich bekomme eine Gänsehaut. Das ist ja wohl Annäherung an das Federvieh genug. Bis zur Möwe schaffe ich es nicht. Ich streiche das wieder mit dem Jauchzen. Ok? Nicht raunzen muss reichen.

Stunde 2: Dank täglicher Routine höre ich das Geschrei der Nachwuchs-Suderanten im Auto längst nicht mehr. Der Lebensmitteleinkauf verläuft glimpflich. Und, dass die gerade eben gekauften Paradeiser scheinbar auf dem Nachhauseweg einen Pelzmantel aus Schimmelstoff angezogen haben, irritiert mich auch nicht, obwohl, oder gerade weil es so heiß ist. Ist schließlich nicht das erste Mal. Geschluckt. Natürlich nicht die Paradeiser, sondern die Tatsache, dass ich sie noch vor dem Betreten des Hauses in den Müll schmeissen muss. Erspare ich mir eben das Einräumen. Wäre fast ein Grund zu jauchzen, oder? Aber nur fast. Ich fange an, darüber nachzudenken, ob das Nicht-Sudern nicht gesundheitsgefährdender ist, als schimmlige Paradeiser zu verzehren.

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Stunde 3: Das vor wenigen Wochen gekaufte, aber noch originalverpackte Regal wird aus dem Keller geholt und ausgepackt. Rund ein Drittel der Teile fehlt. Aufregalarm. Aber nein. Ist doch egal. Ruhig bleiben. Kann ja passieren. Ich gebe nicht den Chinesen die Schuld. Und schon gar nicht deren Arbeitsbedingungen. Niemand ist schuld, dass die Schachtel eben nur halbleer, äh halbvoll ist. Ja, so ist das eben, wenn man sich nicht aufregen darf. Da ist dann halt alles eben so. Kann man nix machen.

Und ich habe ja ohnehin nichts vor. Also auf zum Möbelgeschäft. Passend zur Farbe des Logos dieses Großhandels, die Farbe der zwanzig Ampeln, die zwischen Start und Ziel liegen. Rote Welle. Es kann halt nicht immer grün sein. Im Radio kommt „Ella, Elle L’a“ von France Gall. Hui, wie schön. Lauter. Lange nicht mehr gehört. Puuh, gerade noch einmal Glück gehabt. Dabei raunzt die Dame wahrscheinlich auch, denke ich, nur auf französisch klingt’s halt wie Süßholzgeraspel. Parkplätze vor dem Möbelhaus zur Genüge vorhanden. Ich versuche ein jauchzähnliches Geräusch herauszupressen, aber es kommt wieder nur so ein sanftes Aufatmen. Ich kann das einfach nicht, mich geräuschvoll freuen. Aber ich bemühe mich.

 

Ob ich das mit dem Jauchzen doch noch hinbekomme und es tatsächlich schaffe den ganzen Tag nicht zu raunzen ohne ein Magengeschwür zu entwickeln, gibt’s dann demnächst zu lesen. Versuch mal in einem Möbelgeschäft das Geld für eine defekte Ware zurückzubekommen, ohne zu raunzen! Ich weiß, das klingt wie ein fieser Teaser, aber ich versuche euch nicht zu ködern. Lesen und „liken“ ist absolut freiwillig. Aber die Zeit reicht einfach nicht für mehr. Das sage/schreibe ich hier ganz neutral, gar nicht raunzerisch. Wirklich!