In the year 2000

Nach einer kurzen Pause melde ich mich mit Leseproben wieder. Diesmal aus meinem Roman „Nenad – Ein Keine-Heimatroman“. Wir sind im dritten Teil gelandet, genauer gesagt am 1. Februar im Jahr 2000, drei Tage bevor Schwarz-Blau unterirdisch zur Angelobung schreitet.

 

parlament

Als ich mit der Straßenbahn am Schottentor, am Rande der Inneren Stadt ankam, wurde mir die Entscheidung abgenommen. Denn da mitten unter den einerseits gaffenden und andererseits alles um sich herum ignorierenden Menschen stand eine Gruppe Jugendlicher mit Transparenten in der Hand. Darauf standen Slogans wie: „Widerstand“ oder „Schwarz und Blau = Sozialabbau“. Auf dem einen Stofffetzen war Wolfgang Schüssel als Karikatur zu sehen. Sie hatten ihm ein lange Pinocchio-Nase gezeichnet. Da wusste ich, dass ich hier richtig war. Ich schloss mich der Gruppe an. Trotz Eiseskälte zog die Meute Richtung Rathausplatz und dann weiter zur ÖVP-Parteizentrale.

Ich war offenbar nicht der Einzige, der sich betrogen fühlte. Über der Balustrade hingen dort schon längst Transparente von jungen Aktivisten und auf der Straße standen rund fünfzig Leute, wütende Leute. Sie ahnten es, wussten es. Die ÖVP würde ihr Wort brechen, den Wähler regelrecht verscheissern. Und das von einer Partei, die sich christlich-sozial nennt. Nicht, dass ich was auf Religion geben würde, aber „Du sollst nicht lügen“ heißt doch eines der zehn Gebote. Oder nicht? Das war eine Frage des Anstands. Man durfte sein Wort nicht brechen. Eine Regel, die in Österreich von Politikern nicht allzu ernst genommen wurde. Noch nie. Da wurden munter Wahlversprechen hinausposaunt, die nach den Wahlen aber ganz schnell wieder vergessen wurden. Aber das durfte nicht sein. Ich wollte das nicht einfach so hinnehmen.

Ich überlegte nicht lange, alles ging sehr schnell. Ich rannte zum Eingang, kämpfte mich durch die Menge, holte den Stein aus meiner Hosentasche und zielte auf die Scheibe neben dem Eingang der Parteizentrale. Ich warf und ich traf zu meiner Verwunderung ausserordentlich gut. Das Fenster zerbarst in Millionen kleine Scherben, fiel aber nicht in sich zusammen, jedenfalls nicht gleich. Es dauerte ein bis zwei Sekunden. Die Zeit schien stillzustehen, dann rieselten die kleinen Teilchen in einer lauten, klirrenden Welle zu Boden. Ich erwachte aus meiner Körperstarre und rannte davon, ohne mich noch einmal umzusehen. Schnurstracks und auf direktem Weg in Richtung Irgendwohin.

 

Nenad gibt es hier.

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