How to become a Hausfrau

einkauf

Montagmorgen im Supermarkt

Wie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit hole ich mir schnell ein Kürbiskernweckerl mit Gouda, ein Latella und ein Kinder Bueno aus dem Supermarkt um die Ecke. Das Wochenende war wild und meine Augen brennen vor Müdigkeit, als ich hinter der Wurschtbudel Stellung beziehe. Ich muss mich anstellen. Hinter einer Mutter mit zwei kleinen Kindern.

Pensionisten, Arbeitslose und Hausfrauen/männer bitte zwischen 9 und 18h einkaufen gehen. Wenn andere Leute arbeiten. Danke!“, murmle ich genervt vor mich hin. Sie hört mich nicht. Denn das kleinere Kind quietscht und raunt in einer nervtötend Stimmlage vor sich hin, während das ältere an ihrer Jacke zupft und laut „Mmmmmmmammmmma, Maaaaaamaaaaaa, Mmmmmmamaaaaaaa!“ schreit. Die Mutter lässt sich nicht beirren und ratscht apathisch ihren Never-ending-Einkaufszettel runter. Am liebsten würde ich mir die Ohren zu halten.

Was ist denn los?“, fragt die Mutter das Kind endlich, als sie mit der Bestellung fertig ist.

„Gell? Der Papa verdient das Geld in der Arbeit und du gibst es dann hier wieder aus. Stimmt’s?“

Ich höre die Frau schlucken. Lauter als das Kind geschrien hat. Röte steigt ihr ins Gesicht, während sie sich hastig umschaut und ihr Blick an meinen Augen hängenbleibt. Vor Scham? Vor Wut? Keine Ahnung. Also lächle ich verlegen und denke: „Selber schuld. Hättest halt etwas Gescheites studiert.“

Erst gestern haben meine Freundinnen und ich wieder einmal bei einem gemütlichen Sonntagsbier über Emanzipation, die Hausfrauenfalle, Hausarbeitsplan (Was ist das bitte überhaupt?) geplaudert. Emanzipation muss man leben. Das beginnt schon zu Hause. Ich kann nicht die Gesellschaft für die fehlende Gleichberechtigung verantwortlich machen. Wenn ich mich nur halb um den Haushalt kümmere, dann ist mein Partner dazu gezwungen das andere Halb zu erledigen. Funktioniert prächtig. Wir sind uns alle einig. Hausfrauen wollen wir alle nicht werden.

Ich greife nach dem Latellapackerl im Milchregal, wo die Mutter hastig faire Milch in ihr Wagerl schlichtet. Einen Gschropp hat sie am Arm, den anderen ruft sie hysterisch, weil verschwunden. Einen Liter, noch einen Liter und noch einen. Bitte wie viel Milch kann man brauchen? Ich denke an Hamsterkäufe vor dem Bauernaufstand der IG-Milch.

Ich habe gearbeitet. Während dem Studium. Nach dem Studium. Vor meinem ersten Kind. Auch zwischen den beiden Kindern“, sagt die Mutter plötzlich ungefragt zu mir und ruft schon wieder den Namen des Kindes. Warum erzählt sie mir das, verdammt? Soll sie doch mit den anderen Müttern im Kinderkaffee ihren Frust von der Seele reden. Ich schaue möglichst gelangweilt drein, damit sie merkt, dass ich an dem Gespräch gar kein Interesse habe.

Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde ich vielleicht sogar jetzt schon wieder arbeiten“, redet sie einfach weiter, als hätte ich sie auf meine Couch eingeladen.

Die Möglichkeit hat man immer“, sage ich und bereue es, denn ich habe es mittlerweile schon sehr eilig. Schoki muss ich schließlich auch noch holen. Ja, das habe ich auch gedacht“, lacht sie, weil ihr älteres Kind endlich angerannt kommt. „Aber hier gibt es keine öffentliche Kinderbetreuung unter 2,5 Jahren. Und die private ist unleistbar, selbst wenn man arbeitet.“

Mimimi“, sage ich und sie lacht. Das Kind streckt die Arme aus, klettert an ihr hoch und wischt die Rotznase an ihrem Schal ab. Sie hat jetzt auf jedem Arm ein Kind.

Was ist mit Väterkarenz?“, frage ich blauäugig und lege die Stirn in Falten, damit sie sich nicht so alt und runzlig fühlt.

Väterkarenz ist eine tolle Sache. Genau wie Halbe-Halbe. In der Theorie. In der Praxis muss man sich die Einkommensschere wegdenken. Wenn Frauen im Durchschnitt um 22,7% weniger verdienen als die Männer, ist ja klar wer zu Hause bleibt. Vom Karenzgeld kannst nicht leben. Bleibst du länger als ein Jahr zu Hause, liegt das Kinderbetreuungsgeld unter dem gesetzlichen Mindesteinkommen. In meinem Freundeskreis sind eigentlich fast alle Frauen bei ihren Kindern geblieben. Obwohl sie alle studiert haben. Die Männer höchstens ein bis zwei Monate, wenn überhaupt. Die Frage des Wollens stellt sich da oft gar nicht.“

Ihre Kinder fangen wieder an zu quengeln. Mit ihrem Becken schiebt sie das Wagerl weiter. Die Kinder hat sie auf dem Arm. Lachend schaut sie über ihre Schulter zu mir zurück und ruft: „Und dabei habe ich nicht einmal Anspruch auf die Hacklerregelung. Dabei trage ich gerade 24 Kilo mit mir herum. Selbst die beim Jagdkommando tragen nur 10. Und ich habe eine 24h-Schicht. Sieben Tage die Woche. Bei Hitze. Bei Kälte. Mitunter Pflege von erkrankten kleinen Menschen. Körperlich und psychisch belastet. Alles dabei.“

„Hör mit dem Jammern auf, Alte“, sage ich leise und schüttle den Kopf. Dann renne ich in die Süßwarenabteilung, damit ich an der Kassa in der Schlange nicht hinter ihr stehen muss. Als ich gerade zahle, räumt sie ihr vollgestopftes Wagerl aus. Das ältere Kind hilft ihr dabei. Sie lobt es stolz.

Bevor ich den Supermarkt verlasse, drehe ich mich noch einmal um und frage mein fünf Jahre älteres Ich: „Und? Würdest du es wieder so machen?

Ohne zu überlegen, antwortet sie: „Du bist nicht nur ungeheuer naiv, sondern auch ganz schön dämlich. Diese Frage kannst du nur stellen, weil du dir deine Kinder nicht genau angesehen hast!“