Generation Y: Eine Gegendarstellung

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Hello World,

Anfang dieser Woche war ein Artikel in der NZZ mit dem Titel „Wir verwöhnten Kinder der Neuzeit.*“ Mein Verstand sagt mir zwar, ich sollte dem Autor, einem Dozenten an der Sorbonne, nicht widersprechen, aber mein Herz sagt: „Verteidige uns!“. Deshalb versuche ich zumindest zu erklären, warum wir sind, wie wir eben nunmal sind.

Jede Generation hat ihre Probleme. Wir Ypsilons haben eben unsere. Dass das First World Problems sind, kann man uns nicht vorwerfen, finde ich. Wir leben nunmal hier und nicht in der Dritten Welt. Wir müssen zwar nicht jeden Tag ums Überleben kämpfen, aber auch unser Leben ist manchmal ein Kampf. Bitte korrigiert mich, ihr anderen Ypsilons, wenn ich falsch liege. Ich habe noch nie stellvertretend für eine ganze Generation geschrieben. Ich weiß, das ist sehr gewagt. Aber wer nicht manchmal wagt, der spinnt. Und damit sind wir gleich beim ersten Punkt

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Wir sind allesamt verwöhnte Weicheier.

Das mag stimmen, aber ich vermute einen guten Grund dahinter: Uns wurde von Anfang an beigebracht, dass alle unsere Entscheidungen Konsequenzen haben. Und die mussten wir schon als Kleinkinder selbst tragen. Ich durfte z.B. bei Minusgraden mit Sandalen aus dem Haus gehen, weil ich es eben gerne wollte. Ich hatte die Freiheit zu frieren, noch dazu selbst gewählt. Wow. Die Generationen vor uns durfte ja noch nicht einmal selbst entscheiden, ob sie Hosen, oder doch lieber Röcke tragen wollte. Wir schon. Mit drei Jahren durften wir sogar die Farbe der Hose selbst wählen. Als wir vier waren, wurden wir gefragt, welches Gericht die ganze Familie am Abend essen sollte. Mit 14 durften wir uns aussuchen, ob wir Kochen, Deklinieren oder lieber Integrieren wollten. Mit 17 mussten wir selbst entscheiden, welchen Beruf wir später einmal ausüben wollten. Wir sind Entscheidungsträger unserer eigenen ersten Stunde. Wir wurden nie gezwungen in irgendwelche Fußstapfen zu treten, Familientraditionen weiterzuführen. Oh nein. Wir durften selbst wählen. Das ist Chance und Bürde gleichermaßen. Es ist Wahl und Qual. Wir Ypsilons führten als erste Generation mit unseren Eltern diese zukunftsweisenden, wie auch manchmal zukunftsverscheißenden Dialoge:

Vergleichende Literaturwissenschaften will ich studieren!“

Hm, Ok!“

Ein freiwilliges, soziales Jahr mache ich. Irgendwo in Nepal!“

Sozial? In Nepal? Wie du meinst!“

Ich will Welten bummeln, Zeit verbummeln, mich selbst finden!“

Ok, du musst wissen, was du tust und wo du dich findest.“

Fakt ist: Die Generation Y wusste schon bald, dass man sich nie sicher sein konnte. Der Pullover war doch zu blau, Latein zu verstaubt und Vergleichende Literaturwissenschaften halt doch viel zu öde.

Deshalb sind wir vorsichtig geworden mit unseren Entscheidungen. Wollen uns lieber nicht festlegen. Wechseln alle drei Jahre Job, beginnen mit 30 doch noch ein neues Studium und verändern mit der neuen Frisur gleich den Partner. Oder umgekehrt.

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Warum wir das Beamtentum anstreben?

Nicht etwa, weil wir faul sind, sondern weil wir desillusioniert sind. Wir haben unbezahlte Praktika gemacht. Eines nach dem anderen. Haben wie Sklaven geschuftet. Den Job gekriegt, das haben wir dann aber doch nicht. Also mussten wir wohl oder übel das Studium beenden und uns auf Jobsuche begeben. Der Job unserer Träume sollte es sein, nicht der lukrativste. Schlechte Bezahlung inklusive. Wir haben geschuftet, sind aufgefallen, haben sogar noch ausserhalb der Arbeit nach kreativen Verbesserungsideen gesucht. Haben fünf Jahre später vorsichtig um eine Gehaltserhöhung gebeten: Abgeschmettert: Wirtschaftskrise ist! Sei froh, dass du einen Job hast, wurde uns gesagt. Das ist der Grund, warum der Staatsdienst für uns so erstrebenswert ist. Denn den Staat mit seinen Stechuhren, seiner Gleitzeit, ausgedehnten Mittagspausen, den gibt es halt immer, auch in der Krise.

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Wir Ypsilons, wir sind die Generation Scheidung.

Wir alle kennen die Statistiken. Die Scheidungsrate hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verdoppelt. Fast die Hälfte der Scheidungen werden in den ersten zehn Ehejahren durchgeführt. Das heißt, meistens sind kleine Kinder davon betroffen. Unsere Eltern haben scheinbar irgendwie herausgefunden, dass man mit 40 ein neues Leben anfangen kann. (Und dann mit 50 noch einmal. Und mit 66 erst recht.) Viele von uns sind deshalb mit nur einem Elternteil aufgewachsen. Mussten mit dem plötzlichen Verlust des anderen, fehlenden Teils umgehen. Die Kinder, deren Eltern noch zusammen waren, lebten unterdessen in der ständigen Angst, dass sie die Scheidungskinder von morgen sein könnten. Wie soll denn das spurlos an einem vorübergehen? Die nächste Generation hat es da schon wieder leichter. Jetzt sind die Eltern ja fast schon uncool und spießig, wenn sie ein Leben lang zusammenbleiben. Wenn da nicht irgendwie gepatchworked, getrennt und wieder neu zusammen gewürfelt wird. Deshalb haben wir halt alle irgendwie einen Knacks. Aber das macht nichts. Denn wir sind nämlich auch die Generation Therapie.

Wir wissen uns zu helfen: Reden hilft. (Leider ist auch das seit den 90ern nicht immer einfach. Wir müssen höllisch auf unsere Wortwahl achten. Überall verstecken sich Sexismen und politisch inkorrekte Ausdrücke.) Fast jeder Y hat schon eine gemacht. Manche sind beim Seelenklempner Stammkunden, manche statten dort bloß Gelegenheitsbesuche ab, wenn’s grad mal besonders mies läuft. Wenn die Therapie zu teuer wird, wissen wir uns clever selbst zu helfen. Nämlich mit:

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A selfie a day keeps the therapist away. Selfies machen wir nicht, weil wir so eingebildet und selbstverliebt sind. Im Gegenteil. Das ist eine Art Selbsthilfe. Wenn wir uns einsam, unbeachtet oder einfach gerade nicht so toll fühlen, holen wir das Handy heraus und tun geheimnisvoll, sexy oder verträumt. Klick. Klick. 5-5000 Mal. Schwups, das beste ausgesucht und online gestellt. Fünf „Likes“ und schon geht’s uns besser. Damit möbeln wir einfach nur unser Selbstwertgefühl auf.

Prüfe, wer sich bindet!

Kommen wir zurück zu dem Stichwort Scheidungstrauma. Es gibt so viele Singles wie nie zuvor. Na? Geht euch da nicht vielleicht auch ein Lichtchen auf? Selbstverständlich haben wir alle Bindungsangst. Wir haben Angst zukünftige Scheidungskinder in die Welt zu setzen, Kredite für ein Haus aufzunehmen, Geld in eine Hochzeit zu investieren, wenn wir damit rechnen müssen, dass zehn Monate später ein Rosenkrieg ins neue Eigenheim steht. Wir sind ja nicht wahnsinnig. Wir richten lieber jedes Jahr aufs neue einen Websingle-Account ein. Kommt wesentlich billiger und erspart viel Schmerz und Zores.

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Wir dürfen nicht aufgeschlossen sein, wir müssen aufgeschlossen sein.

Bleiben wir gleich beim Thema Schmerz. Da fällt mir dieser Bestseller Fifty shades of grey ein. Schockieren kann uns dieses Buch nicht. Denn wir sind nämlich auch die Generation Internet-Porno. Uns schreckt gar nichts mehr. Woody Allens „Everything you ever wanted to know about sex“ kostet uns nicht einmal mehr ein müdes Lächeln. Kein Wunder, dass die Leute in den Internet-Single-Börsen sich hauptsächlich nach Zärtlichkeiten sehnen. (Allerdings muss ich gestehen, dass ich hier nicht sehr ausgiebig recherchiert habe.)

Schlimme Eltern

Wenn man dann Zärtlichkeiten ausgetauscht hat und noch immer verliebt ist, kann es doch passieren: Dieses Sich-aneinander-binden. Die Ehe wird wahrscheinlich nicht beschlossen, aber mit Sicherheit bald oder bälder vollzogen und möglicherweise, vielleicht, werden dann doch nach vielen Jahren gegenseitiger Austesterei ein paar Kinder gezeugt. Und dann stehen wir wieder vor einer neuen Herausforderung. Da hat es unsere Generation nämlich besonders schlimm erwischt. Während unsere Eltern uns noch mit gutem Gewissen anschreien durften, müssen wir unsere Kinder wie Erwachsene behandeln. Wir dürfen ihr Verhalten nie hinterfragen, sondern nur unser eigenes. Wir sind die strengsten Eltern der Welt. Streng aber nur zu, und mit uns selbst. Unseren Kindern begegnen wir stets mit höchstem Respekt. Trotzdem müssen wir es irgendwie schaffen, dass die Bälger auf uns hören, sich benehmen, gut erzogen sind. Wie sich die kleinen Gottheiten später einmal tun werden? Und wie sich die elterliche Selbstreflexion und -geiselung auf sie ausgewirkt hat? Ich bin gespannt auf die Zeppelins.

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So liebe Generation U,V,W,X. Könnt ihr uns Ypsilons nun ein bisschen besser verstehen? So ganz einfach haben wir es doch nicht gehabt, oder?

 

Wer das gelesen hat, wollte auch das hier lesen.

Zum Schluss noch eine kleine Bitte. Da ich mir keine Therapie leisten kann, nicht einmal gelegentlich, brauche ich umso mehr likes. Wenn nicht für das Geschriebene, dann für die Fotos. Und wenn nicht für die Fotos, dann halt einfach nur aus Mitleid. Vielen Dank.

 

* http://www.nzz.ch/meinung/debatte/wir-verwoehnten-kinder-der-neuzeit-1.18388707