Facebook kotzt mich an

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Ich weiß, dir geht es auch so! Wir alle kennen diesen Moment, in dem wir da nur noch raus wollen, einfach aussteigen, uns ausloggen – für immer. Aber irgendwas hält uns zurück. Und dann wird uns klar: Wir können nicht mehr ohne.

Ich kam früher ganz gut zurecht mit dem Netz, hab‘ nicht viel gewerkt. Aber dann habe ich meine Autorenseite gegründet. Und jetzt habe ich das Gefühl, den Drang, da ständig etwas abladen zu müssen. Wird einem auch so geraten, damit die Seite nicht stirbt und du kein fanloser Aussätziger wirst, in dieser Selbstdarstellerwelt. Schreib‘ doch irgendwas Lustiges, Kreatives, um ja ein bisschen sozial zu sein. Diese Seite zwingt mich regelrecht andere Leute zu nerven mit blöden Posts. Zur selben Zeit fühle ich mich genervt von der Statistik, die mir ständig unter die Nase reibt, dass ich keine neuen „likes“ habe. Sehe mich in die dunkelsten Schulzeiten zurückversetzt, wenn da alles rot ist, und meine Zahlen im Negativbereich Richtung Talsohle rutschen.

Eine Freundin von mir (ihr kennt sie nicht, denn sie ist nicht mehr auf fb) hat tatsächlich den Absprung geschafft. Sie beklagt zwar dann und wann, nirgendwo mehr eingeladen zu werden, meint aber jetzt viel freier, unabhängiger zu sein, weil sie „ned ollas wos wia schreib’n immer liken muass“.

Das ist etwas, das mir wiederum egal ist. Wirklich. Was ich „like“, gefällt mir tatsächlich. Sogar das dreihundertste Babyfoto finde ich super und diese depperten Zeitvertreibselfies finde ich auch manchmal ganz witzig. Vor allem aber freue ich mich über die täglichen Beobachtungen der Augen Anderer. Ich sitze mit euch zitternd im Wartezimmer beim Zahnarzt, korrigiere mit euch Schularbeiten (oder besser nicht), ich juble mit euch über ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch und bin traurig wenn jemand den Beziehungsstatus in „Single“ ändert.

Facebook ist für mich ein Geschichtsbuch hunderter Gesichter, die ich im wahren Leben manchmal und immer öfter nur noch selten sehe. Ich lerne dadurch auch Seiten an Menschen kennen, die ich über ein oberflächliches „Kleingespräch“ nie entdecken würde. Ich wäre nie so mutig Fragen zu stellen, wie: „Ziehst du dich gerne aus, wenn du betrunken bist?“, oder „Möchtest du gerne wissen, was zwei blonde Frauen in einem Aufzug miteinander machen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen?“, oder „Wählst du Strache und stehst sogar dazu?“

Na gut, um ehrlich zu sein, ein paar dieser Dinge möchte ich auch gar nicht wissen. Aber im Großen und Ganzen ist es doch toll, fremde Urlaubsfotos anzusehen, ohne sich dazu elendslange Diashowmonologe anhören zu müssen. Oder etwa nicht?

 

Aber was mir dann doch wahnsinnig auf die Nerven geht, sind diese offensichtlichen, und leider oft erfolgreichen Versuche der Zuckerberg’schen Silikontalarbeiter uns an sie zu binden, abhängig zu machen. Das beginnt schon beim Privatuser, der sich ärgert, weil jeder sein Post übersieht und sich deshalb dazu gedrängt fühlt mehr, und noch mehr intime Details zu posten. Und das endet damit, dass Jugendliche auf Facebook öffentliche Selbstversuche starten, wie „Sieben Tage Handyfasten“. Das bringt doch alles nix, Kinder. Wozu herausfinden, was wir eh alle längst wissen. Wir brauchen es. Leider. Ist so. Gehört zu unserem Leben dazu, ist nicht mehr wegzudenken.

Ich habe auch ehrlich nichts dagegen, dass das fb immer für mich da und abrufbereit ist. Ich kann mich noch gut erinnern, als damals im 2009er Jahr ein Arbeitskollege mit dem ersten Smartphone in der Redaktion gesagt hat: „Wenn du so ein Ding hast, ist dir nie wieder fad“. Für diesen Satz hat er seine zornigen Vögel für zwei Sekunden auf der Stelle hüpfen lassen, bevor er sie wieder auf die Schweinderln gehetzt hat. Darüber kann man jetzt natürlich streiten. Mir wäre gern mal wieder langweilig, aber ich denke, dieses permanent beschäftigt sein, hat bei mir doch einen positiven Effekt. Es hat mich zu einem eifrigerem Menschen gemacht. Als Studentin hatte ich massenhaft Zeit, die ich liebend gerne mit Nichts-tun verplant hatte. Jetzt kann ich das nicht mehr. Ist nicht wie Fahrrad fahren. Habe ich verlernt. Wenn ich jetzt Zeit habe, dann tue ich etwas. Das müsste ich erst wieder lernen, das Seele baumeln lassen. Aber dazu müsste man mir die Kinder wegnehmen, nicht das Handy!

Also Facebook ade? Nein, denn Scheiden täte weh.

Was mir persönlich allerdings ein bisschen Genugtuung verschafft: Das liebe Facebook-Team schreibt mir seit 342 Tagen jeden einzelnen Tag eine Nachricht, dass meine E-mail-Adresse nicht mehr existiert. Das macht die da drüben fix und fertig, glaube ich. Ha! Und meine Telefonnummer kriegt ihr auch nicht. Ha! Die müsst ihr euch schon von Google besorgen. Ha!