Ein Tag ohne Raunzen

Heute geht es weiter mit meinem sehr gewagten Experiment: Ein Tag ohne Raunzen. (Dritter und letzter Teil)

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Stunde 4: Ich betrete das Geschäft, in das ich das unkomplette Möbelstück zurückbringen will. Wie erwartet, werde ich von A nach B bis letztendlich Z geschickt. Keine große Überraschung. Ich wusste, dass sie es mir nicht leicht machen würden. Und Bewegung kann ich gebrauchen, bin ja eh so lange im stehenden Auto gesessen. Schließlich finde ich doch die richtige Abteilung. Nur niemand da. Ich kann mein unsagbares Glück gar nicht fassen, als dann doch nach zehn Minuten jemand kommt. Ich hätte ja mit länger gerechnet. Und oh Wunder: Ich muss gar nicht debattieren. Die kennen dieses Problem mit den halbleeren, ich korrigiere nochmal: halbvollen Schachteln. Es dauert nur kurze fünfundzwanzig Minuten, aber ich bekomme tatsächlich einen Schein ausgestellt, dass ich mein Geld zurückbekomme.

Stunde 5:

Glücklich gehe ich zum Aufzug. Der steht sogar da, als hätte er nur auf mich gewartet. Ich drücke. Die Tür geht nicht auf. Ich ärgere mich nicht darüber. Kommt mir heute ja gar nicht in den Sinn. Stattdessen habe ich langsam Mitleid mit diesem Möbelhaus. Die haben scheinbar ein gröberes Defektproblem. Angsterfüllt nehme ich die Rolltreppe, sehe unten in einem Regal dreißig Ausgaben der tropfsicheren Trinkflasche meines Sohnes in einem Regal stehen. Das Ding war von Anfang an undicht. Da fällt mir ein, dass ich meinen Schreibtischsessel hier gekauft habe. Zum Glück sitze ich nie auf dem, da ich immer zwischen Tür und Angel tippe. Was für ein Glückspilz ich doch bin. Ich freue mich. Wahrhaftig und ehrlich.

Als ich zur Kasse komme, zeigt gerade ein Mann freiwillig seinen Rucksackinhalt der Dame an der Kasse. Bitte wer hier klaut, ist selber schuld, denke ich. Mist, war das Sarkasmus? Der gehört ja irgendwie der verbalen Gattung des Suderns an, oder? Ich reisse mich zusammen und bekomme genau im rechten Augenblick anstandslos vierzig Euro zurück. Unglaublich. Ich bin entzückt. Das war ja fast reibungslos. In dem Moment geht die Alarmanlage los und ich laufe los. Am Nachhauseweg höre ich Conor Oberst, der über „kind of love, that my back hurts“ singt. Auch du lieber Conor, bist also nicht einmal vor einem amourösen Suderimpuls gefeit, denke ich lächelnd, aber da fällt auch mir mein genervter Ischias wieder ein. Aber nur kurz. Ich spüre, aber verliere kein Wort darüber. Nur ja nicht jammern. Die Ampeln sind grün, der Stau baustellenbedingt. Das ist halt die Schattenseite des Sommers. Gehört dazu, wie die abgefrorenen Zecherln im Winter.

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Stunde 6:

Zu Hause stecke ich voller Stolz die vierzig Euro in die leere Spardose. Öffne die Kühlschranktür, die Mayonnaise hüpft mir entgegen, landet auf dem Boden. Zerplatzt. Alles voll. Selbes Szenario wie schon vor fünf Tagen. Ich bin ja Senf-Fan. Von rot-weiß wird mir übel. Schon vor dem Geruch ekelt es mich. Aber ich lasse mich nicht so leicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Ich bin schon einmal im Dunkeln – gar nicht lange her – bloßfüßig auf zwei Nacktschnecken getreten. Pro Fuß jeweils eine – baaaatsch – in genau demselben Moment. Ich putze die weiße Fettsauce tapfer weg, ohne zu fluchen. Das liegengelassene Handy leuchtet, bimmelt. Ich sehe vielleicht doch mal nach, ignoriere mein selbsterteiltes Handyverbot. Ah, zwei Apps wollen ein Update und eine andere ein Backup. Toll. Sonst noch was? Ein Eis vielleicht? „Jaaaaaa“, ruft mein Sohn. Ups, habe ich das etwa laut gesagt. Ich lege das Handy weg und hole Eis. Der kleine Bruder will gewickelt werden. Sofort, will er das. Das erkenne ich am schrillen Rauneton. Der Größere wiederum braucht wenig später eine Komplettumkleidung. Eisflecken auf dem Shirt, Mayonnaise auf Hose und Socken. Das macht nichts, denke ich. Wir haben ja eine Waschmaschine. Wie geht’s der eigentlich? Ich sehe mal nach und hänge gleich die frischgewaschene Wäsche auf. Jedes einzelne Teil ist verdreht. Bitte gibt’s das? Jedes Teil? Wie kann das sein? Ist das der Rachefeldzug der Waschmaschine, dass sie seit acht Monaten tagtäglich voll im Einsatz ist? Ich habe sie zu mir geholt, als ich noch Single war. Jetzt wäscht sie fünfmal so viel, wie in unseren ersten gemeinsamen Jahren. Ich drehe jedes Teil um, die Stimmung kippt. Von Socke zu T-Shirt lässt meine Gelassenheit nach. Und da passiert es: „Scheiß Waschmaschine“, entfährt es mir. Nicht so laut, dass es die Kinder hören. Aber ich habe es gehört. Das reicht leider. Da war es. Das Jammern. Fluchen, Raunzen, Sudern. Was auch immer. Ich habe versagt. Ausgerechnet dieses depperte Haushaltsteil muss mir mein Experiment versauen. Ausgerechnet so eine Lappalie zwingt mich zum Raunzen? Na toll. Das auch noch. Gleich mal Raunzen auf der Metaebene: Raunzen über das Raunzen.

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Mein Experiment ist schief gegangen. Ich werde es vielleicht ein anderes Mal wieder probieren. Vielleicht bin ich nicht gemacht für das Nichtraunzen. War es selektive Wahrnehmung? Oder war das heute einfach kein guter Tag zum Nichtraunzen?

Die Revolution muss also noch warten.

Und wie viel raunzt ihr eigentlich so?

 

Wer das gelesen hat, wollte noch lieber das hier lesen.