Ein stinknormales Interview

 

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Für unsere Interview-Serie Stinknormal treffen wir heute eine 34-jährige Mutter von zwei Söhnen. Sie ist verheiratet, lebt am Land und führt ein normales Leben, ein stinknormales Leben.

 

Stinknormal: Wie sieht ihr Alltag denn so aus? Alles stinknormal?

A. Rheindorf: Was ist denn normal? Gibt es das überhaupt?

Stinknormal: Sie müssen jetzt philosophisch werden. Unsere Rubrik heißt ja Stinknormal. Antworten sie einfach auf meine Fragen.

A. Rheindorf: Mein Leben ist auf jeden Fall ganz anders, als ich noch vor zehn Jahren gedacht habe, dass es in zehn Jahren einmal sein wird.

Stinknormal: Aha. Das hört sich ja sehr aufregend an.

A. Rheindorf: Dass es aufregend ist, habe ich nicht gesagt. Die Tage sind doch eher eintönig. Spannend sind aber die Kinder, ja sogar ihre Krankheiten. Man weiß nie, wie sie sich entwickeln.

Stinknormal: Das hört sich aber nicht sehr positiv an, was und wie sie da reden.

A. Rheindorf: Ah. Sehen sie. Mein Leben ist vielleicht stinknormal, aber nicht stinklangweilig. Als Mutter steht man nämlich ständig unter Beschuss. Man kann gar nichts richtig machen in den Augen anderer. Deshalb muss man ständig aufpassen, niemandem Munition zu liefern.

Stinknormal (gähnt provozierend): Darf ich ganz ehrlich sein?

A. Rheindorf: Ja, bitte!

Stinknormal: Wenn wir ehrlich sind, ist Stinknormal doch der kleine Bruder von Sch…. Und stinklangweilig ist ihr Leben doch auch. Die ganze Zeit nur um die Kinder kümmern! Fehlt ihnen ihr Beruf nicht?

A. Rheindorf schluckt: Ja, mir fehlt mein Beruf. Aber bin ich dann wieder in der Arbeit, fehlen mir mit Sicherheit wieder meine Kinder. Das ist also eigentlich alles andere als stinklangweilig.

Stinknormal: Ich habe sie doch vorhin beobachtet. Sie haben sich ein und dasselbe Bilderbuch mit ihrem Sohn gerade vier Mal hintereinander angesehen. Das ist meiner Meinung nach stinkestenszumhimmellangweilig. Und jetzt einmal im Ernst: Dafür haben sie studiert?

A. Rheindorf: Soll das heißen, Menschen, die studieren sollen keine Kinder haben?

Stinknormal: Von mir aus schon, aber es gibt ja Kindergärten und Krippen. Man kann Kinder auch in die Obhut anderer Menschen, Pädagogen geben, die genau dazu ausgebildet wurden. In anderen Ländern gehen Frauen nach wenigen Wochen wieder arbeiten. 

A. Rheindorf: Bevor ich Kinder hatte, dachte ich auch, ich gehe bald schon wieder Vollzeit arbeiten. Ich habe mich in mir selbst geirrt. Das passiert öfters beim „Vorher-Währenddessen-Nachher der Elternschaft“, denke ich. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich hochschwanger hinausposaunt habe: „Das Kind wird sich an unser Leben anpassen müssen. Nicht wir uns an das Leben des Kindes“ Über mein damaliges Ich kann das jetzige Ich nur lachen. Aber abgesehen davon, müssen Eltern selbst entscheiden, wie sie das machen wollen. Da gibt es kein Richtig oder Falsch, finde ich.

Stinknormal: Eltern? Es sind ja doch fast immer die Mütter, die bei den Kindern bleiben. Wo ist denn überhaupt ihre Gleichberechtigung hin?

A. Rheindorf lacht: Die habe ich irgendwo verloren. Bemerkt habe ich das aber erst viel später.Denn im Alltag fühle ich mich nicht diskriminiert. Es sind eher die Umstände.

Stinknormal: Die kann man doch nicht einfach verlieren, wenn man sie schon hatte? Wie soll das denn gehen?

A. Rheindorf: Wenn Kinder ins Spiel kommen ist die Gleichberechtigung in Österreich dahin. Denn in unserer Gesellschaft sind Frauen nicht gerade in guter Gesellschaft. Solange die Einkommensschere immer weiter aufgeht, werden nicht viele Männer in Karenz gehen. Das ist logisch. Der Besserverdienende geht arbeiten. In Österreich sind das nunmal in den meisten Fällen die Männer. Und solange die Schere nicht zugeht, steht jede Frau zwischen 25 und 45 in der Arbeit unter Verdacht. Das ist diskriminierend.

Stinknormal: Bitte, was faseln sie da? Ich bin 29 Jahre alt und fühle mich absolut nicht benachteiligt im Job. Oder gar unter Verdacht.

A. Rheindorf: Sind sie verheiratet?

Stinknormal: Nein. Sie stellen ja sogar stinknormale Fragen.

A. Rheindorf: Heiraten sie nicht! Tun sie es doch, werden sie beobachtet. Beäugt. Eine Bekannte von mir ist jetzt 50 und endlich glücklich, weil sie und ihr Bauch nicht mehr bei jeder Krankmeldung misstrauisch beäugt werden. Sie und ihr Mann wollten nie Kinder haben.

Stinknormal: Übertreiben sie da nicht?

A. Rheindorf: Vielleicht. Aber ich kenne solche Fälle. Ich selbst hatte diesbezüglich Glück. Bin nicht so der mütterliche Typ, scheinbar. Mich hat man ja eher gefragt, ob das ein Unfall war, als ich die Schwangerschaft verkündete. Doch dann waren wir verheiratet, hatten schon ein Kind, also fragte jeder, wirklich jeder, wann denn das zweite endlich kommt. Sogar die Frau im Supermarkt. Überall. Da darf man dann nicht einmal mehr nach dem Mittagessen den Bauch rausstrecken. Schon zwinkern dir alle verschwörerisch mit breitem Grinser zu. Und du weißt als einzige, es ist doch nur das Bauchfleisch.

Stinknormal: Ok. Und jetzt haben sie ja zwei Kinder. Leben in der Vorstadt. Stinknormal. Wie geht’s ihnen damit?

A. Rheindorf: Ich will alles und das ist zu viel. In einem stinknormalen Leben geht sich das einfach nicht aus. Wir alle wollen einen tollen Job haben, im Idealfall Karriere machen, eine Familie gründen, Kinder haben, für sie da sein, aber unser Leben dennoch weiter leben. Wir wollen tolle Eltern und Vorbilder sein, aber den Job dabei nicht vernachlässigen. Wir wollen unseren Kindern alles bieten und sie dazu auch noch richtig erziehen. Wir wollen, dass unsere Kinder Menschen werden, die auch alles wollen sollen und es dann auch machen können. Dabei vergessen wir, dass man für das Stinknormale schon unglaublich dankbar sein sollte. Einen Job muss man erst einmal bekommen. Eine gute Partnerschaft muss man erst einmal führen. Ein Kind muss man erst einmal bekommen. Wer all das hat, ist ganz und gar nicht stinknormal, sondern ein echter Glückspilz.

Stinknormal: Danke für dieses stinknormale Interview.

 

Das Interview vom 17. März 2010 für unsere Serie Stinknormal führte A. Weidmann. Fünf Jahre später wird sie selbst zwei Söhne haben und A. Rheindorf heißen.

Hier gibt es noch eine Begegnung mit meinem früheren Ich: http://alina-rheindorf.at/how-to-become-a-hausfrau/