Das Leben ist eine einzige scheiß* Prüfung

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Ich kann mich noch sehr gut an den Tag meiner Diplomprüfung erinnern. Als ich an diesem Junimorgen Angst- und Hitzeschweiß schwitzend auf die Uni kroch, dachte ich, es sei die letzte. Die letzte Prüfung meines Lebens. Nach hunderten Prüfungen in der Schule, in der Fahrschule, im Fotokolleg und an der Uni, würde jetzt nichts mehr kommen. Aus und Schluss mit der ewigen Fragerei. Wie dumm und naiv ich doch war an dem Tag, an dem ich vor Intelligenz nur so sprühen wollte.

Denn die ganze Prüferei hat danach erst so richtig begonnen. Da kamen zuerst diese überflüssigen Vorstellungsgesprächsfragen. Warum bin gerade ich für diesen Job perfekt geeignet? Hm, ich weiß nicht, weil ich unglaublich leckeren Kaffee kochen kann und bei der Afterworkparty am Tisch tanze und einen ausgebe? 

Das Finanzamt prüft dann, ob ich fleißig Steuern zahle. Ja, eh. Mach ich. Die sind halt in der Höhe leicht übersehbar, im Vergleich zu Ronaldos, Trumps und Co, stimmt’s?

Die Bank ist die nächste. Sie prüft meine Kreditwürdigkeit. Ob ich mich für den Rest meines Lebens an sie binden darf. Ja bitte gerne. Ich will. Und jetzt Küsschen.

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Die Polizisten stellen typische Nonaned-Fragen, prüfen meine Kenntnisse in der Farbenlehre. Welche Farbe hatte denn die Ampel, über die sie da gerade gefahren sind? Dabei haben die ja selbst arge Defizite in der Mengenlehre. Orange ist nicht grün, aber 1700 = 19, gell?.

Mein ganzes Umfeld überprüft mit Argusaugen meine Erziehungsmethoden. Bin ich zu nachgiebig, inkonsequent, lasse ich alles durchgehen, oder bin ich zu streng, zu hart, zu laut, habe ich mich ständig unter Kontrolle?

Kinderärzte stellen prüfend panikverbreitende Suggestivfragen. Wollen sie, dass ihr Kind todkrank wird und alle anderen ansteckt, hm? Ja, wollen sie das? Dann lassen sie ihr Kind eben nicht impfen und tragen eben Mitschuld an einer Pandemie!

Der Nachbar prüft, ob der Rasen gemäht ist. Die GIS prüft, ob ich auch anschauen darf, was ich vielleicht sogar selbst produziert habe. Auf Facebook prüfen Freunde, wie oft man online ist. Mark prüft noch immer täglich verzweifelt meine ungültige E-mail-Adresse. Und als wäre das alles noch nicht genug, muss ich auch noch ganz freiwillig ein Buch schreiben und es von Verlagen und Agenturen überprüfen lassen. Lasse sie über mich, meine Gedanken, meinen Stil urteilen. Verrückt, oder?

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Und dann plötzlich erreicht uns wieder einmal eine alles in Frage stellende Schreckensnachricht, Todesnachricht und wir fangen an, uns selbst und unser Leben einer Prüfung zu unterziehen. Nutze ich jeden Tag? Weiß ich mein Glück überhaupt genug zu schätzen? Lebe ich zu sehr im „wenn“?

Ja, denn die härteste, aufregendste und zugleich schönste Prüfung, die absolviere ich jetzt jeden Tag. Meine Kinder prüfen, nach wie vielen schlaflosen Nächten, ich noch gerade stehen kann. Prüfen, wie viele Dezibel meine Ohren aushalten. Prüfen, wie viel Körperkontakt ich an schwitzend, heißfeuchten Tagen ertragen kann. Eh, nie genug. Und sie stellen unvorbereitet auch noch die schwierigsten Fragen. Bist du alt, Mama? Stirbst du, wenn du alt bist? Bin ich dann ganz alleine? Fragen bei denen ich zuerst schlucken muss, bevor ich sie wohlüberlegt beantworten kann. Das sind die schwierigsten Fragen überhaupt. Denn der 3-jährige Prüfer erkennt jede Unsicherheit sofort. Besser als die Bank, die Polizei, die Uniprofessoren, der Arbeitgeber das je könnten. Und so tun, als wäre man einfach nicht da, wie bei der GIS, das geht halt auch nicht.

 

* Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Wort in die Überschrift nehmen darf. Aber da ich es gestern in einer renommierten Tageszeitung gesehen habe, dachte ich, ich mach’s wie scheiß Debra Morgan und verwende es auch. (Und wer will, kann das Wort sogar im Duden „prüfen“.)

 

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