Bin ich überhaupt eine richtige Frau?

 schuh4

Bereits zum dritten Mal in diesem Herbst habe ich den Versuch gewagt Winterschuhe einkaufen zu gehen. Genauer gesagt Stiefel. „Ja, und“, fragt ihr euch jetzt,„Warum erzählt die Alte uns das?“

Ich werde euch verraten warum. Für mich ähnelt der Schuhkauf einem leidvollem Zahnarztbesuch. Der Zahnarzt findet Löcher, aber ich keine neuen Sitefel. Stattdessen muss ich jedes Mal aufs Neue eine andere schreckliche Entdeckung machen: Ich habe keinen Schuhgeschmack. Damit meine ich nicht, ich habe einen schlechten Geschmack, was Schuhe betrifft. Nein, ich habe ganz einfach gar keinen Geschmack, was Schuhe betrifft. Und glaubt man dem SATC-Credo und sämtlichen Modemagazinen dann stimmt irgendwas nicht mit mir. Das stellt ja wohl mein ganzes Frausein in Frage. Oder nicht?

schuh3

Mit diesem Gedanken im Kopf nehme ich mich zusammen und schlendere durch die Regale. Minuten, vielleicht Stunden später komme ich wieder zu mir und stehe in der Herrenabteilung. Himmel noch mal. Konzentriere dich! Es gibt Menschen denen das hier Spaß macht. Ungefähr 50 % aller Menschen, heißt es. Was stimmt bloß nicht mit mir? Also gehe ich das Ganze von der rationalen Seite an. Was suche ich denn? Stiefel. Na bravo. So weit waren wir schon. Damenstiefel. Also husch husch zurück in die Damenabteilung. Ich will locker reinschlüpfen können, da ich meistens davor noch vier andere, kleinere Füsschen in Schühchen stopfen muss, die nirgendwo reingestopft werden wollen. Deshalb soll es wenigstens bei mir selbst schnell gehen. Sie sollen keinen, oder nur wenig Absatz haben. Denn ich will damit in den Wald gehen, aber auch ins Kino. Na gut. Ich bin ehrlich. In den Wald. Denn im Kino war ich ja seit 1,5 Jahren nicht mehr. Und dann sollten sie auch noch verdammt gut aussehen, meine neuen Schuhe. Und damit sind wir wieder beim Anfangsproblem. Verflixt noch einmal. Bei Schuhen weiß ich eben einfach nicht, was gut aussieht und was nicht. Ich fange an zu schwitzen und verlasse eilig das Geschäft.

schuh1

Während ich nach dem nächsten Schuhladen suche, lässt mich der Gedanke nicht los, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. An den Ohren keine Ringerl, am Arm kein Band und um den Hals kein Ketterl. Neben dem Friseur komme ich zum Stehen. Wann habe ich mir das letzte Mal die Haare schneiden lassen? Es war 2008. Das traumatisierende Mal davor war im Jahr 1996. (Aber davon berichte ich vielleicht ein anderes Mal.) Ich brauche das alles nicht. Keine neue Frise und keinen Silber-, Gold- und Edelschmuck. Als ich das letzte Mal ein Armband getragen hatte, bekam ich davon einen Ausschlag über den ich mich zwei Monate lang freuen durfte. Und zwar jedes Mal, wenn ich auf mein rotes, pulsierendes, geschwollenes Handgelenk geblickt hatte. Endlich! Endlich hatte ich eine Ausrede.

Aber für Bloßfüßig im Schnee gibt es eben leider keine Ausrede, denke ich, während ich also auf das nächste Schuhgeschäft zusteuere. Nur doofe Blicke, eine dicke, rote Nase und, wenn du Pech hast die Einweisung in die Klapse. Ich überwinde mich und besuche noch drei, vier Schuhgeschäfte. Am Ende weiß ich nicht mehr, in welchem Geschäft ich schon war und in welchem nicht. Ich will mich nicht länger belügen: Ich war nur alibihalber da drinnen, damit ich mir einreden kann, es zumindest versucht zu haben. Ich weiß jetzt schon, dass ich wieder versagen werde. Ich schaffe es nicht einmal mehr ein Paar anzuprobieren. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Mit leeren Händen fahre ich also nach Hause und habe Tränen in den Augen, als ich an einem Plakat von Conchita Wurst halten muss. Sie hat bestimmt kein Problem passende Schuhe für jede Gelegenheit zu finden, denke ich nicht fast neidisch. Nein, ich bin grün vor Neid.

Als ich zu Hause ankomme, fühle ich mich schon mehr als Versager, als Versagerin und ziehe meine Schuhe aus. Wie die aussehen, fragt ihr euch jetzt bestimmt. Die sind froschgrün und echt toll. Ja, ich liebe sie sogar, weil ich mir durch sie zwei Mal neue Schuhe kaufen erspart habe. Sie bestehen aus drei Teilen. Schlapfen, Sneaker und eine Schuhform, die etwas höher ist als Sneaker. (Vom Schuhfachjargon habe ich nämlich auch keine Ahnung. So!) Nur im Winter, im Schnee kann ich die leider nicht tragen. Vielleicht kaufe ich ein Fell dazu, mit dem ich sie füttere und ziehe drüber einfach ein Plastiksackerl, das ich mit einem Gummiringerl um den Knöchel verschließe. Voila, winterfestes Gehwerk. Was meint ihr? Geht das durch?

schuh

Eine Hoffnung habe ich aber noch: Vielleicht gibt es unter meinen Leser/innen ja zufällig eine/n Schuhgeschmacksspezialisten/in. Das ist also nicht nur eine belanglose Schuhgeschichte, sondern ein Aufruf: Für Tretertipps bin ich und meine frierenden Zecherln jedenfalls jetzt schon sehr dankbar. Was mir allerdings noch mehr bedeuten würde: Wenn ich durch mein Outing eine Leidensgenossin finden würde, damit ich mich als schuhgeschmackslose Frau nicht ganz so unfrauig vorkomme. (Männer ausgeschlossen.) Danke.

 

Wer das gerne gelesen hat, wollte das hier noch lieber lesen.