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It’s a hard life

 

Wer glaubt, so ein Kinderleben ist ein Zuckerschlecken, der irrt gewaltig und hat wohl selbst vergessen, wie das damals war. Den Tagesablauf geben die da oben vor. Die, die mit ihren riesigen Händen überall rankommen, auf alles eine Antwort haben und bestimmen, wann man ins Bett gehen muss: Eltern.

Komm Mäuschen aufstehen! Anziehen, und dann bitte frühstücken. Mach ein bisschen schneller, wir müssen los! Sonst kommen wir zu spät….“ Schon früh am Morgen geht es in vielen Familien mit dem Antreiben los. Wenn ein Kind dann noch mitten in der Trotzphase steckt, wird die Sache brenzlig. Es lauert die große unbekannte Variable, die jeden Moment ohne Vorwarnung wie eine Bombe hochgehen kann und dazu führt, dass alles andere erstmal warten muss, damit der frühkindliche Zornesbrand gelöscht werden kann. Diesen Puffer von fünf bis fünfzehn Minuten auf dem Weg ins Büro gilt es in der Früh einzuplanen, sonst kommt man die obligatorische elterliche Viertelstunde zu spät.

It’s a long hard fight

Oberflächlich betrachtet haben unsere Kinder ein tolles Leben. Wenn sie wollen, können sie den ganzen Tag spielen, in den Tag hineinträumen, essen, wann immer sie wollen. Wenn der Magen knurrt, oder es sie nach einem Snack gelüstet, brauchen sie nur mit dem Finger schnippen (wenn man es denn schon könnte) und bekommen eine Mahlzeit serviert. Am Abend werden einem die Zähne geputzt, die Toilette erledigt auch jemand anderer – sollen die sich doch die Hände schmutzig machen – und ins Bett begleitet. Buch aussuchen und los geht’s mit dem abendlichen Entertainmentprogramm, das Einschlafbegleitung genannt wird. Dann noch ein letztes Bussi, zugedeckt und wohlbehütet wird eine gute Nachtruhe gewünscht. Tja, oberflächlich betrachtet mag das wohl stimmen. Doch wer bitte entscheidet denn, wann genau das Licht abgedreht wird. Warum muss denn das Licht überhaupt abgedreht werden? Unbeschwerte Kindheit? Von wegen! Fremdbestimmt heißt das Schlüsselwort.

Tatsächlich besteht das Leben unserer Kinder zu einem großen Teil aus „Müssen“. Nicht nur zu Hause, auch im Kindergarten gibt es Regeln. Das Bedürfnis der Gruppe wird klarerweise über das des Einzelnen gestellt. Und von meinen eigenen Kindern weiß ich, in so einer Kindergartengruppe spielen sich regelmäßig Dramen ab, von denen sich die intrigantesten Charaktere einer mexikanischen Soap opera noch ein Scheibchen abschneiden können. Jeden Tag gehen lebenslange Freundschaften zu Bruch, eine junge Liebe wird im Keim erstickt, oder man wird ausgeschlossen, wo man gestern doch selbst noch an der Reihe war jemand anderen ausschließen zu „dürfen“. Heiß-kaltes Gefühlschaos jeden Tag. Niemand weiß, was in der Kleinkindergruppe „Heartbreak“ als nächstes passiert. Und wenn es dann heißt „Abgeholt!“ wird es auch nicht unbedingt besser. In den eigenen vier Wänden, sind wieder die Eltern der Boss.

To learn to care for each other

Die Zeiten für Kinder sind hart. Dauernd kommt nur ein „Ja, gleich“ von den Erziehungsberechtigten, die es oft wichtiger finden unnütze Dinge wie Hausarbeit zu erledigen, anstatt ihren elterlichen Pflichten nachzukommen und einmal richtig gescheit zu erziehen. Sie sagen, die Wäsche warte, manchmal muss noch eingekauft werden und das Abendessen zaubert sich auch nicht von selbst, behaupten sie zumindest. Für viele Kinder und ihre Bedürfnisse bleibt unter der Woche meist sehr wenig Zeit. Nicht nur ich, auch viele andere, vor allem berufstätige Eltern leiden deshalb scheinbar unter einem schlechten Gewissen, weil der Nachwuchs gerne mehr Aufmerksamkeit hätte. Das Internet ist voll von weisen Tipps, wie Eltern es schaffen können den Alltag stressfreier zu gestalten, wie man entspannt den Tag beginnt und trotzdem rechtzeitig mit Kind das Haus verlässt. Gleichzeitig beobachte ich das Phänomen, dass Eltern ihren Kindern in der Freizeit Freiraum für Entscheidungen lassen. Ob es nachmittags in den Zoo gehen soll, oder auf den Spielplatz. Ob die Familie das Wochenende in den Bergen verbringen soll, oder mit den Großeltern an einem See. Ob es zum Abendessen ausnahmsweise Pizza gibt, oder doch Sushi.

Ich habe da eine (vielleicht absurde) Theorie aufgestellt, die lautet:

Weil Eltern im Alltagsstress immer weniger auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen können, versuchen sie dies zu kompensieren, indem sie ihnen bei der Freizeitgestaltung die Wahl lassen.

(Achtung: Dies ist lediglich eine Vermutung. Ob hier tatsächlich ein kausaler Zusammenhang besteht, sollte ein Team von Psychologen und Sozialwissenschaftern untersuchen.) Ob das falsch ist oder nicht, kann man sicherlich streiten.

To trust in one another…

Ich kenne dieses Verhalten von mir selbst. Ich will damit wieder gut machen meinen Kindern ihren Willen genommen zu haben. Manchmal muss ich das. Vor allem, wenn wir es in der Früh eilig haben, sie aber noch spielen wollen. Um das wieder gut zu machen, sind sie anderswo am Zug. Zum Beispiel, wenn es um ihre Haarlänge, oder eben um das Abendessen geht.

Wenn ich ein Kind – wahrscheinlich egal welchen Alters – frage, ob es lieber ein Eis oder eine Zucchini als Nachspeise hätte, wird das Kind wohl keine Schwierigkeiten haben eine Antwort zu finden. Und es wird mit dieser Entscheidung in all ihren Konsequenzen glücklich sein. (Es sei denn, ich kreiere Zuchinieis) Anders sieht es hingegen aus, wenn ein 2-jähriges Kind gefragt wird, ob es lieber von Mama oder Papa ins Bett gebracht werden will. Viele Kinder können sich nur schwer zwischen zwei Menschen, die es beide über alles liebt entscheiden. Am liebsten würde es natürlich von beiden ins Bett gebracht werden. Die Gefahr besteht, dass wir unsere Kinder Entscheidungen treffen lassen, mit denen sie letztendlich überfordert sind.

…right from the start*

Als ich noch ein kleines Mädchen war, sagte mein Vater einmal zu meiner großes Schwester und mir: „Wisst ihr, das Leben ist hart.“ Ich war damals höchstens ein Jahr alt und gluckste wahrscheinlich zufrieden und noch nichtsahnend vor mich hin, aber meine Schwester, damals ungefähr drei Jahre alt und schon ein sehr kluges und lebenserfahrenes Mädchen, antwortete: „Ich weiß Papa. Ich lebe ja selber.“ Sie trifft es damals auf den Punkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Kinder schon von klein auf lernen müssen, zurückzustecken. Aus Gründen, die sie nicht verstehen und die für sie selbst keine Priorität haben. Ich habe meinen Kindern schon sehr oft erklärt, warum es wichtig für mich ist pünktlich in die Arbeit zu kommen. Und sie erklären mir im Gegenzug genauso oft, wie wichtig es für sie ist, ihr Spiel zu Ende zu spielen.

Das Dumme am Erwachsensein ist ja, dass man es zwingend einmal werden sollte. Das Großartige daran ist aber auch, dass wenn man es einmal ist, wir von unseren Kindern lernen können, wieder etwas mehr mit ihnen im Moment leben zu dürfen. Denn sie können das noch. Sie kosten jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde ihres jungen Lebens aus, so wie wir das auch öfters tun sollten.

 

* Songlyrics von Queen „It’s a hard life“, Album „The Works“, 1984

Dieser Artikel ist im Tipi – Magazin für die Familie erschienen. (Ausgabe Sommer 2017)

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