A g’sunde verbale Watschen

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Herr Greber,

ihr Artikel „Wer Strafen nicht vollzieht, wird unglaubwürdig“*, erschienen in der „Presse am Sonntag“ sorgt für Empörung. Sie denken sicher, zu Unrecht. Denn sie machen „das alles schon halbwegs richtig“, sagen sie. Das mit dem Ohren ziehen und Übers-Knie-legen. Nicht fest, aber so, dass sie das Kind in eine blöde Lage bringen. Für diese Aussage kassieren sie jetzt verbale Watschen. Ja, Menschen können streng sein, wenn es um die Erziehung anderer Kinder geht. Nicht? Wie fühlt sich das an? Prallt an ihnen ab? Mit Sicherheit richtet es keinen Schaden an. Keinen psychischen, keinen emotionalen. Vielleicht wird in ihrer Redaktion jetzt ein bisschen diskutiert. Über Verantwortung. Über den Nachahmeffekt. Über den Imageschaden, der schnell korrigiert sein wird. Das Blatt distanziert sich ja. Bedauert, dass die interne Kontrolle versagt hat. Fertig. Fehler können passieren. Ja. Doch Fehler, die unsere Kinder ausbaden müssen: Sollten nicht passieren.

Denn was bleibt? Ein Kind, ihr Kind, das einen Schaden davon trägt. Zumindest mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit. Und im schlimmsten Fall womöglich Eltern, gewaltbereite Eltern, die sich durch ihre Worte bestätigt, ermutigt fühlen und jetzt gewalttätig werden. Ihren eigenen Kindern damit Schaden zufügen. Mit gutem Gewissen. 

Aber wenn sie denken, dass ein bisschen Am-Ohr-ziehen keinen Schaden anrichtet, dann täuschen sie sich!

Ich bin ein Kind der 80er Jahre. Meine Volksschullehrerin hat mich und die meisten meiner Klassenkollegen oft am Ohr gezogen, an den Haaren gezogen. Hinten am Haaransatz, wo die Haut sehr sensibel ist. Auch eine Watsche hat es einmal gegeben. Ich hatte mein Leben lang Schulangst. Bis zur Matura. Ach was. Noch heute, ich bin 33, albträume ich oft davon, dass mir mein Uniabschluss, die Matura aberkannt werden und ich alles noch einmal machen muss. Weil ich in der Volksschule versagt habe. In der VOLKSSCHULE! Als könnte ein Kind so früh überhaupt versagen. Das geht gar nicht. Meine Lehrerin war für mich nur eine Autoritätsperson. Keine Bezugsperson, so wie sie für ihren Sohn sind. Neben seiner Mutter, die wichtigste Bezugsperson, die er überhaupt hat. Es ist eine Sache sich vor der Schule zu fürchten. Eine ganz andere Sache ist es, Angst zu haben vor dem eigenen Heim, dem zu Hause, wo ein Kind sich sicher, geborgen, beschützt und geliebt fühlen soll. Nein, nicht SOLL, MUSS!

Für meine Lehrerin, sie ist schon lange tot, empfinde ich heute Verachtung. Keinen Hass. Keine Furcht mehr. Nur Verachtung. Vielleicht denken sie daran, wenn sie ihren Sohn das nächste Mal über das Knie legen. Oder nein, denken sie bitte lieber schon vorher daran! Kinder sollen nicht „in eine blöde Lage gebracht“ und dadurch gedemütigt werden. Sie sollen sich einfach nur geliebt und respektiert fühlen.

 

* http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/4607949/Wer-Strafe-nicht-vollzieht-wird-unglaubwurdig

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