Archiv für den Monat: November 2016

Dafür bist du noch zu klein!

Wir Eltern entscheiden uns dafür Kinder zu bekommen. Dabei vergessen wir, dass die Kinder niemand fragt. Die werden einfach gemacht. Ob sie das wollen oder nicht, spielt in ihrem Entstehungsprozess keine Rolle. Kein Wunder also, dass so manches die Welt hinterfragendes Exemplar ab und an bedauert in diese hineingeboren worden zu sein. Ein typischer Fall von: regretting childhood[1].

Wenn man Kinder fragt, was sie denn am Kindsein stört, kommt eine Antwort ganz bestimmt: „Dass ich nicht selbst bestimmen kann“. Das war auch die Antwort meines eigenen 5-jährigen Sohnes. Und er hat recht. Sein Leben wird fremdbestimmt geführt. Oberflächlich und aus den Augen eines Erwachsenen betrachtet ist so ein Kinderleben zwar herrlich: Spielen, Essen, Schlafen. Und immer rennt jemand hinterher (kann vielleicht auch nerven!), tröstet einen, wenn man fällt, hat Verständnis für Wutanfälle, nimmt spontane Getränkebestellungen entgegen, stillt den Hunger, liebt und umsorgt einen. Ist für einen da, in guten und selbstverständlich auch in den ganz miesen Zeiten.

Und es gibt auch tatsächlich Kinder, die rundum zufrieden sind. Greta (4 Jahre) und Fritz (12 Jahre) stört am Kind sein genau „Nix“. Beneidenswert.

Aber bei meiner kleinen Umfrage bleiben sie in der Minderheit. Ein Großteil der befragten Minderjährigen fühlt sich wie eine kleine Marionette in der Welt der Großen, die sagen, wann was gemacht werden muss. Meistens zu dem ungünstigsten Zeitpunkt. Abendessen, wenn das Spielen gerade am lustigsten ist. Schlafengehen, wenn man gar nicht müde ist. Nicht fernsehen, wenn man gerade unbedingt fernsehen will.

Frido (8 Jahre alt) bringt es auf den Punkt: „Blöd ist, dass man nicht überall mitbestimmen kann und, dass man das tun soll, was Erwachsene einem sagen.“

Sind wir ehrlich: Es muss der blanke Horror sein. Kind sein ist wahrlich kein Zucker schlecken. Der ist nämlich sowieso verboten, ungesund und macht die Zähne kaputt. Und Ponyhof ist das auch keiner, denn da macht man höchstens einmal Urlaub. Und selbst dort muss man ins Bett, wenn die Eltern es sagen. Stellen wir uns nur einmal vor, wir Erwachsene würden von unseren Kindern so behandelt werden. Wir sitzen gerade beim lauschigen Abendessen mit Freunden, es wird gelacht, gegessen, getrunken und dann kommen die Kleinen daher und deuten genervt mit ihrem Zeigefinger auf die Armbanduhr: „Wird langsam Zeit für dich. Husch husch, ab ins Bett.“

Wir Eltern haben es eigentlich ganz gut getroffen. Wenn wir nicht wollen, dann müssen wir eigentlich gar nichts. Wir können uns sogar in der Früh einen Kaugummischlecker genehmigen, wenn wir das wollen. Unbemerkt versteht sich. Na gut, die Konsequenzen müssen wir tragen. Aber es ist der freie Wille, der zählt. Kinder müssen müssen.

Fanny (15 Jahre): „Ich mag nicht, dass man für alles die Eltern fragen muss und die dann entscheiden, ob sie es erlauben oder nicht. Eltern können sich aussuchen, was sie arbeiten, die Kinder müssen in die Schule gehen und Fächer besuchen, die sie nicht mögen. Und blöde Lehrer muss man auch ertragen.“

Es grenzt an ein Wunder, dass unsere Kinder uns trotzdem lieben, obwohl wir sie täglich zwingen, aufzustehen und in die Schule oder in den Kindergarten zu gehen. Selbst, wenn sie das gar nicht möchten. Wir gehen mit ihnen zur Ärztin, lassen ihnen Spritzen verabreichen. Wahrscheinlich Folter in ihren Augen. Wir zwingen sie ihre Haare zu waschen. Für Kinder reine Zeitverschwendung. Wir setzen ihnen gesundes Essen vor, obwohl sie wissen, dass man von Eis auch satt werden kann. Verrückt! Wer isst Brokkoli, wenn er Himbeereis mit Schokosauce haben kann? Freiwillig! Und wer denkt, Kinder hätten keine Probleme, der hat einfach keine Ahnung.

Louis (7 Jahre): Ich mag es nicht, dass man als Kleiner oft ausgelacht wird von größeren Kindern. Ich finde es blöd, dass ich nicht so große Muskeln habe wie die Erwachsenen und, dass die Eltern nicht alles erlauben. Und, dass ich nicht selbst entscheiden kann, wie lange ich aufbleibe.

Versetzen wir uns in ihre Lage. Wenn unser/-e Chef/-in uns ständig sagt, was wir zu tun haben, was wir tun müssen, und uns nichts selber (außer Lapalien wie zwischen Erdbeereis oder Bananenlutscher) entscheiden lässt, würde uns das ganz schön nerven.

Felix (11 Jahre): „Es ist blöd, dass man als Kind nicht so ernst genommen wird wie ein Erwachsener.“

Wir haben Glück verständnisvolle Kinder zu haben, die uns nicht gleich die Elternschaft aufkündigen und uns sogar trotzdem lieben. Aber blöd finden sie uns manchmal trotzdem.  Zu recht, wie mir mein jüngerer Sohn, der gerade 2,5 Jahr alt ist, bestätigt:

Ich: Hast du mich immer lieb?
Er: Ja!
Ich: Findest du mich manchmal blöd?
Er: Ja (Solche Fragen darf man Betrunkenen und Kindern einfach nicht stellen)
Ich: Wann?
(Überlegt lange)
Ich: Wenn ich mit dir schimpfe?
Er: Nein.
Ich: Wann dann?
Er: Wenn du mir nicht zuhörst.

Das stimmt. Ich höre manchmal nicht zu. Nämlich dann, wenn ich mitten in einem Gespräch bin. Oder wenn der Tag lange war und ich will, dass die Kinder endlich schlafen. Oder wenn ich mit meinen Gedanken woanders bin. Das sei mir gestattet. Genauso wie es ihm gestattet ist, dass ihn das ärgert. Aber wäre er schon erwachsen: Würde ich dann vielleicht eher hinhören?

Manchen Kindern kann es mit dem Erwachsen werden gar nicht schnell genug gehen. Sie fühlen sich gefangen im falschen Körper und wären am liebsten schon Frau oder Herr im eigenen Haus.

Lina (7 Jahre): Ich finde es blöd, dass ich noch kein eigenes Geld verdienen kann, damit ich mir alles kaufen kann, was ich will.

Ein Auto zum Beispiel. Denn die Abhängigkeit in der Mobilitätsfrage kommt noch erschwerend in der langandauernden Situation Kindheit hinzu. Das trifft besonders die Kleinen, mit einer besonders großen inneren Größe.

Leon (5 Jahre): Es ist unfair, dass ich nicht so groß bin wie die Erwachsenen. Und dass ich nicht in den BOGI Park (Anm.: Indoor Spielplatz) kann, immer wenn ich Lust habe. Und dass ich nicht so viel Süßigkeiten essen kann, wie ich will.

Nikola (3 Jahre): Kind sein ist doof, weil man zu klein ist, um überall raufzukommen.

Die generelle Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bleibt den meisten Menschen leider ein Leben lang erhalten. So wie es ist, soll es meist nicht sein. Und irgendwann ist man so alt und der Rücken schmerzt bei jeder Bewegung, sodass man sich nicht mehr ohne Schmerzen im Rücken bücken kann. Wetten? Die Auflösung gibt es dann in dem Artikel, den ich hoffentlich in dreißig Jahren schreiben werde: regretting grandmotherhood .

 


 

[1] Hintergrundinfo: „regretting motherhood“ (deutsch:„Bedauern der Mutterschaft“) ist eine 2015 veröffentlichte Studie in Israel durchgeführte Studie, die weltweit für Aufsehen gesorgt hat.  Die befragten Frauen lieben ihre Kinder, aber den Umstand Mutter geworden zu sein bereuen sie, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Mütter nicht ihren Vorstellungen entsprechen.

erschienen in TIPI Das Magazin für die Familie (Ausgabe Herbst 2016)

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