Archiv für den Monat: September 2016

Die Besserwisser

Man möchte meinen, es gäbe nichts Privateres als den Inhalt des eigenen Bauches. Falsch! Wenn der weibliche Bauch plötzlich rund wird, darf die ganze Erdkugel mitreden. Schließlich handelt es sich um ein zukünftiges Mitglied unserer Gesellschaft: Allgemeingut. Ob Medien, Schwiegereltern, kinderlose Freunde oder die Oma von nebenan: Es ist deren verdammte Pflicht sich einzumischen.

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von Alina Rheindorf

“Warum weint das arme Buberl denn? Will er vielleicht eine Schokolade?”, fragt mich die betagte Dame als mein sieben Monate altes Baby im Kinderwagen wütend und rotköpfig vor sich hinkräht. Ich weiß, die Frau meint es nicht böse. Sie will mir helfen. Aber sie macht die Situation nur noch schlimmer. Weil es mich zusätzlich nervt. Aussenstehenden fehlt oft die nötige Empathie zu begreifen, dass ein schreiendes Kind das Potential besitzt Eltern hundertprozentig, ach was wem mache ich etwas vor: zweihundertprozentig auszulasten. Jeglicher Zusatz-Input birgt die Gefahr der Folge Nervenzusammenbruch. Natürlich könnte ich jetzt der erfahrenen Dame höflich erklären, dass sie recht hat. Eine Schokolade würde die Situation garantiert entspannen. Die Geschmacksexplosion auf der Zunge des Säuglings hätte dieselbe Wirkung wie ein Sedativum. Vor allem für jemanden, der bisher in seinem Leben nur Milch, Pastinake und Karotte ungewürzt (also Kategorie: eher fad) kennengelernt hat.

Ungefragt

Anschließend käme natürlich das große “aber”, auf das ich in einer Elternzeitschift gewiss nicht näher eingehen muss. Ich finde allerdings, dass ich das aus Prinzip gar nicht muss. Es ist nicht meine Aufgabe einer mir unbekannten Person die unzähligen Gründe aufzuzählen, warum ein Baby keine Süßigkeiten zu sich nehmen sollte. Ich will ihr auch nicht erklären, dass das Kind weint, weil es müde ist. Dass es weint, weil es im Kinderwagen nicht schlafen will. Dass es weint, weil es getragen werden will. Dass ich es sogar gerne tragen würde. Dass ich es aber nicht tragen kann, weil ich mir am Vortag beim Tragen des Kindes den Rücken vom Nacken bis zum Allerwertesten verrenkt habe. Ich will ihr das alles nicht erklären, weil ich es ihr nicht erklären muss. Ich bin ihr keine Rechenschaft schuldig. Ich habe sie nicht um Rat gebeten. Deshalb zucke ich ungelenk mit meinen schmerzenden Schultern und gehe einfach weiter. Die kleine, rote Krähe vor mir herschiebend.

Jeder weiß alles besser

Es scheint als ob jeder Mensch da draußen besser wüsste, was das Beste für Mutter, Vater, Eltern und Baby ist als Mutter, Vater, Eltern und Baby selbst. Ob diese Person selbst schon am eigenen Leib eine Geburt erlebt hat, ist dabei tatsächlich nebensächlich. Denn schließlich kennt jeder irgendjemanden, der schon einmal von jemandem gehört hat, dass irgendjemand ein Kind zur Welt gebracht hat, oder zumindest dabei zugeschaut hat. Und falls nicht: Jeder von uns wurde zumindest einmal schon geboren. Was einen zum Mitreden irgendwie berechtigen könnte. Und dass sich fast jeder da draußen in der Welt berechtigt fühlt, bestätigt sich schnell.

Umgefragt!

Ich habe mich in meinem Umfeld ein wenig umgehört und bin dabei aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Alle Eltern scheinen diese Situation zu kennen. Sie bekommen schlechte Ratschläge gratis und ungefragt an jeder Ecke.

Dabei würden sie meist nicht einmal für gute Ratschläge teuer bezahlen wollen. Vielleicht ist das Urteil aber voreilig. Sehen wir uns die Beispiele, die unzähligen Tipps und Tricks der selbsternannten Erziehungsexperten, erfahrenen Privatpädagogen, unstudierte Gynäkologen und Hobbyhebammen einfach einmal genauer an. Ich habe die “klügsten” Ratschläge für uns tollpatschigen Rabeneltern zusammengefasst:

Wie wird man denn schwanger?

Eine Frau (nicht schwanger) befindet sich bei der Kontrolluntersuchung bei der Gynäkologin. Die Krankenschwester beruhigt sie mit dem nötigen Feingefühl:

“Sie dürfen nicht so ungeduldig sein. Schwanger werden dauert nun einmal und geht nicht von heute auf morgen. Wie wäre es denn mit Adoption? Haben sie schon darüber nachgedacht? Oder vielleicht ein Haustier bis es soweit ist?”

Lebensrettende Maßnahmen frühzeitig erkennen

Ein Nachbar erkennt die lauernde Gefahr “Samtpfote”, die für das Neugeborene schon bald zur Bedrohung werden könnte:

“Die Katze sollten sie unbedingt loswerden, noch bevor das Baby kommt. Sie wird eifersüchtig sein und dem armen Baby das Gesicht zerkratzen. Und das kann sich noch nicht einmal wehren.”

Schönheit muss eben leiden

Fremde Frau in der Straßenbahn entpuppt sich im Vorbeigehen als Expertin für Milchschorf auf Babyköpfen:

“Das müssen sie runterkratzen. Schaut eklig aus.”

Gefahr im Schlafzimmer

Großvater stärkt das Selbstvertrauen frischgebackener Eltern:

“Das Baby schläft mit euch im Bett? Habt ihr da nicht Angst, dass ihr euch drauflegt und es erstickt?”

Verwahrloste Babygeneration

Mutter liegt mit Kind (10 Monate) auf einer Decke im Schwimmbad und liest Zeitung. Eine ältere Dame geht vorbei, erkennt auf Anhieb das vernachlässigte Kind in der Not. Bevor sie die Fürsorge verständigt versucht sie aber noch an die Mutter zu appellieren. Sie will schließlich nicht vorschnell urteilen:

“Wissen Sie, Babys sind schon arm, wenn man sich nicht mit ihnen beschäftigt. Sind sie denn alleinerziehend?”

Gestörte Eltern-Kind-Bindung

Die Großeltern sind geschockt, ob der viel zu frühen Einkindergartung des 17 Monate alten Enkelkindes:

“Das führt zu einer Langzeit-Bindungsstörung mit zerstörtem Urvertrauen. Schlafstörungen inklusive.”

Mutter bringt ihre 1-Jährige Tochter in den Kindergarten. Eine Frau sagt im Vorbeigehen:

“Mein Sohn musste erst mit 5 Jahren in den Kindergarten. Vorher wollte der gar nicht. Welches Kind will schon weg von der Mama? Man soll ja Kinder nicht zwingen.”

Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen!

Der kinderlose Onkel will zwar mit der einjährigen Nichte einen Motorradausflug machen und danach das Demolition Derby besuchen, glaubt aber eine drohende Lungenentzündung zu erkennen, wenn das arme Kind bei 20°Grad Celsius keine Wollmütze trägt:

“Sie niest ja schon!”

Das stärkste Band der Welt so schwach

Das dreijährige Kind tut sich weh und weint. Die Mutter nimmt es auf den Arm. Doch dann der Schock: Das Kind schreit nach dem Vater. Eine fremde Frau beobachtet entsetzt die Szene und liefert auch gleich die Analyse:

“Da stimmt etwas nicht mit ihnen und ihrem Kind, wenn es nach dem Vater schreit. Da machen sie etwas falsch.”

Falsch! Falsch! Falsch! Unglaublich was Eltern heutzutage alles falsch machen können. Nämlich Alles auf vielfache Weise. Zum Glück sind wir umgeben von vielen weisen Menschen, die wissen, wie man es richtig macht.

Allerdings: Guter Rat ist teuer, wie es so schön heißt. Deshalb behaltet ihn lieber für euch! Denn ungefragt nervt er einfach nur ungeheuer.

erschienen im Tipi – Das Magazin für die Familie (Frühling 2016)

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