Archiv für den Monat: Februar 2016

Gefalle ich dir?

Über Harmoniesucht und ihre fatalen Folgen.

Ich dachte ja immer Harmoniesucht sei eine positive Eigenschaft, und war deshalb auch ein bisschen stolz darauf, dass ich sie in sehr ausgeprägter Form besitze.
Aber ich bin gerade dabei meine Meinung zu ändern. Ich glaube, dass Harmoniesucht bei genauerer Betrachtung eigentlich eine Schwäche ist. Denn eine starker Charakter hat Ecken und Kanten, die anstoßen müssen. Die aufkratzen, die manchmal ganz einfach nicht passen, dort wo sie sind. Und das ist auch in Ordnung so. Man kann nicht immer und überall gemocht werden. Wer das will, der wird versagen, wird scheitern.

Genau das passiert derzeit in der Politik. Fängt bei der Europapolitik an, endet bei der Gemeinderatssitzung in Hintertupfing. Kaum einer traut sich mehr, seine Meinung zu sagen. Aus Angst vor Wählerstimmenverlust. Aus Angst ausgelacht zu werden (man denke hier an die umstrittene Willkommenskultur und „Wir schaffen das“ by Angela Merkel). Kommt man nur so an Wählerstimmen? Wenn man keine Position (oder wenn dann nur im rechten Eck) bezieht? Niemand übernimmt Verantwortung in dieser Krise. Die eine Krise erst wurde, weil Europa versagt hat. Weil Europa bei der Aufnahme versagen WOLLTE.  Die Politik packt nicht an. Aus Angst vor der Angst der Menschen.

Als Beispiel nehme ich das idyllische, doch jetzt so zwiegespaltene Örtchen Purkersdorf her: Nach langem Tauziehen, können jetzt endlich unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge einziehen. Kinder. Jugendliche. Das war ein langer harter Weg.

Meine Meinung ist klar: Die hilfsbedürftigen Jugendlichen brauchen ein neues zu Hause. Purkersdorf kann ihnen ein zu Hause geben. So einfach, so schwierig. Es gibt hier viele engagierte Flüchtlingshelfer. Klar gibt es auch viele verängstigte Gegner. Die Herausforderung besteht aber jetzt darin, ihre Ängste zu nehmen. Nicht sie noch zu schüren. Nicht zu verstärken. Zusammen zu arbeiten. Aufeinander zu zugehen.

Was macht Purkersdorf? Bestellt zusätzlich bei der Innenministerin einen Sicherheitsbeamten. Ein schlimmes Signal, mit schwerwiegenden Folgen. Für die Bevölkerung ist dieses Signal nämlich eine Vorverurteilung. Als würde es sich hierbei um lauter Klein- bis Großkriminelle, Vergewaltiger, Kinderschänder handeln. Zuerst handeln wir, zuerst verdächtigen wir, bevor wir sie überhaupt kennengelernt haben.

Warum sagen wir nicht: Wir nehmen sie auf. Wir begrüßen sie, heißen sie willkommen. Arbeiten daran sie so schnell wie möglich zu integrieren. Nur wenn wir keine Angst vor ihnen haben kann das funktionieren. Nur wenn wir aufeinander zugehen, dann klappt es mit einer guten Nachbarschaft.

Weil ich eben so harmoniesüchtig bin, habe ich gezögert das hier zu schreiben. Schlimmer: Nachdem ich wegen eines Artikels von mir einen wütenden Anruf bekam, habe ich entschieden mich aus allem besser raus zu halten.

Aber das ist falsch. Nicht nur Ziel von Politikern, sondern von jedem Menschen sollte es doch sein die eigenen Kanten zu schleifen, aber sie nicht abzurunden. Dazu zu stehen. Wer nur daran arbeitet, dass jeder einen mag, wird irgendwann alleine dastehen. Denn jedem kann man es nicht recht machen. Das ist unmöglich und geht nach hinten los.

Und ich löse mich von meiner Harmoniesucht. Noch schlimmer als keine Meinung zu haben, ist eine Meinung zu haben und sie nicht zu sagen. Aus Angst nicht gemocht zu werden.

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