Archiv für den Monat: November 2015

Das erste Mal

Ich bin Neo-Cluburlauberin. Meinen Kindern zu Liebe. Eine Tragikomödie in drei Akten.

 Can we fix it? Yes we can“, dröhnt es laut aus den Boxen der Minidisko, und dreißig kleine Pöpsche wackeln ausgelassen zur Bob der Baumeister-Titelmusik. Um uns herum sitzen gelangweilte Erwachsene und schlürfen ihre Cocktails. Sie kennen das alles schon.

 

Schauplatz: Ein All-Inclusive Club am Meer

Handelnde Akteure: Urlauber und ihre Mini-Me’s.

Alle tragen Armbänder aus Plastik. Auch ich. An der Stelle, wo vor zehn Jahren dreckige Festival-Bänder gehangen sind. Ich wollte immer eine coole Mama sein, die mit ihren Kindern, kleinen Backpackern, die Welt bereist. Also wie um alles in der Welt bin ich hierher gekommen? Kurz gesagt: Nach einer total in die Hosen gegangenen Individual-Urlaubsreise mit Baby beziehungsweise Kleinkind hat sie gesiegt: die Vernunft gegen die Abenteuerlust. Denn Reisen mit Kindern ist ohnehin Abenteuer pur. Ob gewollt oder nicht.

Kinder im Flugzeug

  1. Akt

Szene 1: Ich packe (in) unsere Koffer: Einfach alles. Ich mache keine Liste. Ganz bewusst. Waghalsig, ich weiß. Aber hinter dem Hotel gibt es eine Klinik, daneben eine Apotheke, dahinter einen Supermarkt. Wenn ich etwas vergesse: Egal.

Szene 2: Die Anreise ist immer der blinde Fleck, meinetwegen die Pralinenschachtel eines Urlaubs. Man weiß nie, was passiert. Kluge Eltern rüsten sich für jeden erdenklichen Notfall. Noch klügere Eltern wissen, dass das gar nicht geht. Es sind einfach zu viele erdenkliche Notfälle. Ich spreche hier von ganz plötzlich aufkommender Übelkeit, von verlorengegangenen Gepäckstücken, von im Klappmistkübel eingeklemmten Kinderhandgelenken, never ending Staus auf der Autobahn, von überquellenden Windeln etc. Deshalb Augen zu und durch. Wir wählen dieses Mal das Flugzeug. Das hat einen Vorteil gegenüber dem Auto: Pro Kopf und Kind gibt es eine erwachsene Betreuungsperson. Allerdings hätte mir bei einem fünfstündigen Flug klar sein müssen: Es bräuchte ein ganzes Flugzeug plus Besatzung, um zwei Kinder zu erziehen, äh, beschäftigen meinte ich. Aber nach dem 845igsten „Wann sind wir endlich da?“ ist es irgendwann dann doch passiert: Wir sind tatsächlich da.

Kinder laufen

  1. Akt

Szene 1: Die Ankunft. Die Urlauberfamilie findet sich zunächst in ungewohnter Umgebung wieder. Nach dem ersten Lokalaugenschein ergibt sich, egal wo, folgendes Bild: Die Betten passen nicht. Zu wenige, zu hoch, zu klein. Ein Spalt zu viel, ein Rausfallschutz zu wenig. Das Babybett zu wacklig, dreckig, oder lässt sich nicht aufklappen. Die Schlafplätze müssen zuerst adaptiert werden, bevor an geruhsames Schlummern überhaupt zu denken ist.

Szene 2: Das Programm. Na dann erkundigen wir uns einmal, was es alles gibt in so einem Club. Morgens eine Zumba-Einheit am Meer, mittags Shuffle-Board neben dem Pool und nachmittags Bingo unter Palmen. Ahhh! So ein Cluburlaub bietet alles, was ich mir für meinen Urlaub nie erträumt habe. Aber es gibt auch ein riesiges Bällebad, Spielplätze, Wasserrutschen, Trampolins, Eis und Obst zu jeder Tageszeit und in rauen Mengen, ein kilometerlanger Sandstrand statt einer öden -Kiste. Eben alles, was sich Kinder für ihren Traumurlaub wünschen. Und sind die Kinder glücklich, sind es die Erwachsenen auch. Das ist nunmal das Dogma der 21st century parents.

Szene 3: Die Verpflegung. Ich gebe es zu: Warum ich einen Cluburlaub überhaupt in Erwägung gezogen habe: Ich will im Urlaub nicht fünf Mal am Tag Essen richten. Von Jagen und Sammeln einmal ganz abgesehen. Bei unserer ersten „Abenteuerreise“ mit Baby war es in der Off-season unmöglich auf einer kroatischen Insel an frisches Gemüse für den Brei zu kommen. Und auf der griechischen Insel brauchten wir eine ganze Stunde bis zum nächsten Supermarkt, um Windeln, Feuchttücher und Nahrung zu besorgen. Hier, in diesem Urlaub verlassen wir einfach unser Apartment und voilà das Buffet ist eröffnet. Neun Stunden am Tag steht hier alles bereit. Noch mehr als uns freut das die Kinder. Denn plötzlich gibt es Schokocrepes zum Frühstück, Sandwiches zur Jause, Pommes zu Mittag, Chips und Eis als Snack und zum Abendessen noch Chicken Wings mit Wedges. Der Einjährige lernt hier das wandelbare Phänomen Kartoffel kennen und lieben: von Puffer bis Krokette. Naja. Es ist Urlaub und die entstandenen Mängel werden wir wieder ausgleichen. Irgendwie. Bis zum nächsten Urlaub werden die Blutwerte hoffentlich wieder normal sein.

Szene 4: Kinderbetreuung. Herrlich. Babyclub. Miniclub. Juniorclub. Doch wer geht da hin? Ich vermute, es sind die Produkte heißer, längst vergangener Animateurliebschaften, die da von ihren eigenen Erzeugern betreut werden. Oder es sind Attrappen, kleine rotbackige Pappfiguren. Wir haben es probiert. Ist doch wie Kindergarten, haben wir uns gesagt. Zu Hause auch kein Problem. Haben uns auf eine freie Stunde – oder zwei – gefreut, in der der Kleine schläft und der Große internationale Beziehungen mit Kindern aus der ganzen Welt pflegt. Doch ganze 3 Minuten 29 Sekunden nach der Verabschiedung kam unser Kind mit schreckverzerrtem Gesicht aus der Hütte gerannt, als würde selbige gerade explosionsartig hinter ihm in die Luft fliegen.

Szene 5: Vorbei ist’s, wenn’s am schönsten ist. Nach der Eingewöhnungszeit, also am Ende des Urlaubs haben die Kinder im Idealfall Freundschaften geschlossen, wissen wo sich Essen und Toiletten befinden, und die Eltern können sich ein wenig zurücklehnen. Und dann ist der Urlaub auch schon wieder vorbei. Schade. Das Abenteuer hat mir jedenfalls nicht gefehlt, denn turbulent war es hin und wieder trotzdem. Wie das mit Kindern eben so ist. Klar, wird sich das auch wieder ändern. Und dann wird es wieder die Selbstversorgerhütte an einem abgeschiedenen Strand voller exotischer Pflanzen. Aber im Moment ist es gut so wie es ist, denke ich, als ich meine Hüften zur Bob der Baumeister-Titelmusik schwinge. Wohlwissend das ich das sogar vermissen werde. Nicht das Shuffle-Board oder Bingo, aber das ausgelassene Lachen des Kleineren im Bällebad und den vollkommenen zufriedenen Gesichtsausdruck des Größeren beim Tanzen in der Minidisko.

 Kinder spielen im Sand

  1. Akt:

1. Szene: Und dann geht’s auch schon wieder ans Packen. Diesmal ist die Vorgehensweise einfacher und das Risiko, etwas zu vergessen deutlich geringer. Man nehme alles, was nicht niet- und nagelfest ist, exklusive Hoteleigentum natürlich (Serviceinfo: Fällt unter Diebstahl und kann geahndet werden) und räume das Feld. Kinder nicht vergessen!

Letzte Szene: Hat man die Anreise müde, dreckig aber letztendlich unbeschadet überstanden, stehen die Chancen einigermaßen gut auch wieder unversehrt zu Hause einzutreffen. Und dort wartet nach jedem Urlaub ein Happy End: Weiche, große, bequeme Betten, wo sich die ganze Familie gemütlich zusammen kuscheln und träumen kann. Von dem ersten Urlaub zu viert. Ja, gut es war ein Cluburlaub, nix mit Individual, nix Spezielles, oder so. Unseren Kindern zu Liebe. Und wie sich herausgestellt hat: auch uns zuliebe.

 

erschienen im Tipi Magazin für die Familie (Sommer 2015)

TIPI Magazin für die Familie (Sommer 2015)

 

Nicht jeder Flüchtling ist Terrorist

Nicht jeder Bankkunde ist Bankräuber.
Nicht jeder Internetnutzer ist ein Troll.
Nicht jeder U-Bahnfahrer ist ein Handtaschendieb.
Nicht jeder, der an der Tür klingelt, wendet den Neffentrick an. Nicht jeder Gärtner ist ein Mörder.
Nicht jeder Flüchtling ist Terrorist. Nur weil sich einer möglicherweise, vielleicht, eventuell unter sie gemischt hat.
Wer jetzt Angst vor Flüchtlingen hat, der sollte auch nicht mehr U-Bahn fahren. Sollte seine Tür nicht öffnen. Sollte bitte ja keinen Gärtner engagieren.

Der Mensch ist des Menschen Wolf, wie der britische Philosoph Thomas Hobbes gesagt hat. Aber nur insofern, dass Wölfe im Rudel miteinander leben. Sozial organisiert. Empathisch, solidarisch. Und zwar aus reinem Egoismus. Denn diese Eigenschaften machen das Rudel stark. Das macht die Gruppe stark.
Was eine Gruppe schwächt: Angst und Generalverdacht. Wer alle unter Generalverdacht stellt, lebt in Angst. Und in Angst will ich nicht leben. Schon aus reinem Egoismus nicht. Denn Angst macht unsere Gruppe schwach.

 

Wer das gelesen hat, wollte auch das hier lesen (jetzt auch als e-book).