Archiv für den Monat: August 2015

Johanna in Traiskirchen

Ein Vormittag in einer WG. Mitten im 7.

johanna

„Ich habe so viele Decken. Da kann ich welche hergeben“, sagt der Werner. „Niemand soll da draussen frieren.“ Dabei schlängelt er seine Ärmchen um sich selbst und tut so als würde er vor Kälte zittern. Die Heizung rennt. Mitten im August. Dann wirft er das Wollknäuel zum Hans-Jörg.

Gekonnt fängt er mit einer Hand – denn er war in der Schule der beste im Handball -, zuckt mit den Achseln und sagt: „Ich schau mal unter der Couch nach. Da findet sich bestimmt etwas Kleingeld. Das kann man eh absetzen, oder Reinhold?“

„Ja, auf der alten Couch kann man leiwand absitzen. Oder wir nehmen die einfach auch gleich mit. Dann sparen wir uns den Abtransport, wenn sie ganz grauslich ist. Gut gewirtschaftet!“ lächelt Reinhold stolz und zwinkert der Sophie dabei zu.

Die war auch nicht untätig. Nach einer repräsentativen Umfrage in der WG, wer sich denn um die Kinderbetreuung vor Ort kümmern könnte, meldet sie sich schließlich selbst. Sie packt auch gleich eine Menge Spielzeug mit ein. Auch Johannas Berli. Die steht wütend auf und reißt der Sophie das Berli wieder aus der Hand, geht in ihr Zimmer und knallt die Tür zu.

„Die Festivalsaison ist eh vorbei. Ich spende meinen Schlafsack“, sagt die Gabi und wirft die Wolle zum Sebastian. Er fängt nicht, weil seine Hände gerade eine widerspenstige Haarsträhne zähmen.

„Ich sorge für Haargel. Niemand soll zu kurz kommen“, scherzt er, lächelt verschmitzt und fährt sich jetzt ganz bewusst im Zeitlupentempo durch die Tolle.

„Ja, das überrascht mich jetzt eigentlich nicht, dass mir niemand das Wollknäuel zuwirft“, sagt die Johanna, die durch den Türspalt lugt und  dabei zornig ins Leere starrt.

In dieser Leere steht aber gerade wiedermal ganz zufällig der Alois herum. Er freut sich, dass er endlich einmal das Wort zu haben scheint und ruft so laut er kann: „Na dann schau ich mal, was meine Freunde von den Pharmafirmen locker machen können.“ Dummerweise war sein lautes Rufen so leise, dass niemand den Alois gehört hat. Aber da er ohnehin selbst noch Hustenzuckerl aus der Apotheke holen muss, zieht er schon mal los. Mit einer Herrenhandtasche vollgestopft mit Medikamenten trifft er am Nachmittag in Traiskirchen ein, sagt freundlich „Hellooooo“ und verteilt weltmännisch lächelnd ein paar Pflaster durch den Zaun. „Wenigstens hier hören mich die Menschen“, denkt er glücklich.

Und da kommen auch schon die anderen. Alle sind sie da. Sonja, Andrä, Josef, Gerald, der gar nicht dumm an Planen und einen Regenschutz gedacht hat. Sogar der Werner ist da. Und auch die Johanna ist gekommen. Doch was ist das da unter ihrem Arm? „Baba Berli“, sagt sie und streckt ihn seufzend einem überglücklich lächelnden Mädchen entgegen. Doch loslassen will sie noch nicht, die Johanna. Das Mädchen packt fester zu. „Tu es Johanna. Du kannst es!“, rufen jetzt alle. „Du wirst sehen. Sie braucht ihn mehr als du.“ Da lockern sich ihre Finger, die sich wie Krallen in das Fell gebohrt haben. Und tatsächlich die Johanna lässt ihn los, den Berli. Das kleine Mädchen nimmt überglücklich den Teddy und presst ihn an sich.

Da kullert der Johanna eine kleine Träne über ihre zuckende Wange. „Helfen ist wichtig. Helfen ist schön“, hört man sie vor sich hinmurmeln.

„Kommt Leute, wir fahren nach Hause und holen noch mehr!“, ruft der Alois. Diesmal haben ihn alle gehört!

 
Warum helfen gerade die nicht, die wirklich etwas bewegen könnten?

Traiskirchen: Das Versagen ist gewollt

traiskirchen

Niemand fängt ihn. Den Ball. Bund kickt ihn in die Länder. Die Länder in die Gemeinden. Die Gemeinden werfen ihn den Behörden zu. Die Behörden den NGOs. Die NGOs fühlen sich hilflos. Und beschießen das Ministerium. Das Ministerium eiert den Ball weiter in die anderen den Ministerien. Niemand fängt ihn auf! Ein MinisteriOsum? Oder ist das Versagen gar gewollt?

Diese unmenschlichen Zustände! Das Chaos? Das mehr als überfüllte Erstaufnahmezentrum? Verletzte? Kinder? Schwangere? Die da im Freien übernachten. Bei Hitze und Regen. Keinen Zugang haben zu medizinischer und psychologischer Betreuung, diese sogar verwehrt wird. Und die, die zuständig sind? Die tun einfach nix, nicht wirklich etwas.

Dieses Phänomen ist auch in unseren Nachbarländern zu beobachten. Niemand will sie. Die Flüchtlinge. Deshalb werden sie nicht aufgenommen. Nicht wie Menschen behandelt. Man lässt sie leiden. Krankheiten ausbrechen. Wüten. In der Hoffnung sie mögen wieder verschwinden. Doch für sie gibt es keine Alternative. Und schon gar kein Zurück. Eigentlich ist es naheliegend. Diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit, dieser nicht vorhandene Ehrgeiz den Versäumnissen entgegenzuwirken ist ja fast schon plakativ. Denn sonst wäre den Menschen ja längst geholfen worden. Denn sonst würde ihnen jetzt im Augenblick geholfen werden. Natürlich ist das eine Milchmädchenrechnung. Aber manchmal sind die naheliegenden Erklärungen für ein Problem, ein Versäumnis, einen Missstand eben auch die zutreffenden.

Warum wird nicht geholfen? Mit Flüchtlingen macht man keine Wählerstimmen? Ist es das? Oder ist es die Angst? Vor dem Fremden? Vor der anderen Kultur? Ängsten muss man begegnen. Wenn man sich ihnen nicht stellt, sondern die Opferrolle pflegt, wird die Angst lebensbestimmend.

Naheliegend ist auch, dass alles eine Kostenfrage ist. Es geht nicht nur immer um die Angst. Würde man einen Batzen Geld in die Hand nehmen. Würde man die Wirte leerstehender Pensionen ein bisserl bezuckerln und der Kirche ein wenig ins Körberl kollekten, gäbe es bestimmt plötzlich viele leere Betten die gewärmt werden wollen, könnten. Banken haben wir gerettet. Aber Menschen? Menschen lassen wir im Mittelmeer ertrinken und wenn sie es doch an Land schaffen. Dann überlassen wir sie wochenlang, monatelang, vielleicht sogar jahrelang sich selbst. Kümmern uns nicht. Nehmen sie nicht auf. Lassen sie jetzt im Regen stehen und in der Sonne brüten.

Wenn das Nicht-einschreiten, das Nicht-helfen tatsächlich beabsichtigt ist. Dann ist das nicht nur das abscheulichste, das ich je erlebt habe, wovon ich jemals gehört habe. Es ist auch ein schwerwiegender Fehler. Kurzsichtig und kurzfristig gedacht. Denn wenn Menschen in der Not nicht geholfen wird, sie nicht betreut werden, nicht psychisch gestützt werden, dann werden sie hart, kalt und krank. Wenn Menschen nicht angenommen werden, dann kapseln sie sich ab. Menschen, die sich abkapseln werden einsam. Einsamkeit belastet. Zerfrisst. Wer sich isoliert fängt an sein Umfeld zu hassen. Wer sein Umfeld hasst, der stellt eine Gefahr dar.

Und dann ist, wird die Angst eben doch begründet. Wenn das gewollt ist, dann wird die Lage eskalieren. Und dann haben wir eine Welt voller Rassisten. Voller Hass. Neid. Missgunst. Die Zuständigen machen sich schuldig. Die, die etwas tun hätten können. Tun könnten. Die da ganz oben. Nicht nur in Österreich. In ganz Europa. Fangt doch endlich den Ball. Denn sonst wird er zu Boden fallen. Und ins Tor rollen.

Ins Eigentor.

 

Wer das gerne gelesen hat, wollte noch lieber das hier lesen.