Archiv für den Monat: August 2015

Das habe ich nicht gewählt

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Mein vierjähriger Sohn weiß, dass es Menschen gibt, die vor einem Krieg flüchten. Und dass sie hier Schutz finden können. Könnten. Was er nicht weiß, dass viele Menschen sterben. Dort wo der Krieg herrscht. Er weiß nicht, dass viele Menschen auf dem Weg hierher sterben. Er weiß nicht, dass Menschen, die geflüchtet sind, hier sterben. Hier. Bei uns. Einen unnötigen Tod. Einen wütend machenden Tod, der verhindert werden hätte können.

Ich weiß, dass er irgendwann diese Verbrechen, die jetzt tagtäglich, seit Jahren begannen werden, aufarbeiten wird müssen. Wenn nicht in der Schule. Dann später. Denn irgendwann wird Europa erkennen, dass das was jetzt passiert eine selbstverursachte Katastrophe ist. Und dass wir uns alle schuldig machen. Die EU, das Land in dem wir wohnen und wir, die hier leben.

Das macht mich zornig. Denn ich will nicht mitschuldig sein. Denn ich habe das hier nicht gewählt. Ich habe das Dublin-Verfahren nicht gewählt. Ich habe die geschlossenen EU-Aussengrenzen nicht gewählt. Ich bin für Schutzzonen in der Nähe von Kriegsgebieten. Ich bin für offene Grenzen für Kriegsflüchtlinge. Ich bin für einen geöffneten Arbeitsmarkt für Asylwerber. Ich bin gegen menschenfeindliche Politik. Ich bin gegen eine Politik, die jetzt Schlepper bekämpft. Ich bin gegen Schlepper, die Menschen in ihre Lastwägen wie Tiere einpferchen und sie dort jämmerlich ersticken lassen. Ich bin gegen eine Schleppermafia, die Geld über Menschenleben stellt. Ich bin dafür, dass es Schlepper gar nicht geben muss. Sie sind der denkbar schlechteste, der gefährlichste, aber leider einzige Weg vor dem Krieg in die EU zu flüchten.

Wenn ich flüchten müsste. Also wählen müsste zwischen Tod und Gefahr mit hoher Todeswahrscheinlichkeit. Wähle ich? Ich will das nicht wählen. Niemand will das wählen. Und schon gar niemand will diese Wahl für seine Kinder treffen müssen.

Kinder, die täglich an der Mittelmeerküste angeschwemmt werden. Familien, die auseinandergerissen werden. Sich verlieren. Die wie Tiere hausen. Im Dreck schlafen. Im Regen frieren. In der Hitze dehydrieren. Die sterben und niemals jemand davon erfährt. Die kein Recht auf gar nichts haben. Denen das Wenige, das ihnen gehört wieder genommen wird. Spenden, die wieder eingesammelt werden, obwohl es ihr Eigentum ist….

Das alles passiert hier. Und jetzt. Und das ist ein Verbrechen. Wenn Kinder in der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Krieg ertrinken. Es ist nicht ein Kind. Es sind hunderte. Tausende. Das ist ein Verbrechen, das ich nicht gewählt habe. Das ist ein Verbrechen, das ein Ende haben muss. Längst ein Ende gehabt haben müsste. In unserer ach so entwickelten, aber leider dabei verkümmerten Welt. Ein Verbrechen, das mich wütend und ohnmächtig macht.

Was kann ich denn noch tun? Was können wir denn noch tun? Denn irgendwann muss ich es meinem Sohn erklären. Warum Kinder jämmerlich ertrunken sind. In Schlepperwägen ersticken. In Massenlagern keinen Schutz finden.

Was soll ich dann sagen?

Wer das gelesen hat, wollte auch das hier lesen.

Was du tun kannst

traiskirchen

Bundeskanzler Faymann erklärt Journalisten das Problem, das Chaos in Traiskirchen wie folgt:


„In Traiskirchen heißt es, haben 1800 Menschen Platz. Nachdem da jetzt 3500 sind, sind es zu viel. Und wenn wo zu viele sind, passieren Dinge, die nicht in Ordnung sind. Und man sieht es dort. Manche stellen kleine Zelte auf. Die Amnesty hat einen Bericht gemacht. Andere haben Berichte gemacht von Mängeln. Und 1500, also die Zahl, die dringend notwendig wäre, könnten schon in Quartiere gebracht werden. Da ist die Erstaufnahme schon erledigt. Also ich will jetzt nicht auf die Details eingehen.“

Deshalb liefert er auch gleich die Lösung des Problems dazu. So einfach. So naheliegend. Warum ist noch niemand darauf gekommen:

 Aber wenn wir genug Quartiere schaffen, entlasten wir Traiskirchen.“

Nun ich habe auch eine ganz einfache Erklärung für diese Aussage parat. Faymann und die gesamte Regierung muss die letzten Wochen irgendwo geurlaubt haben. Auf einem anderen Stern. Wo eifrig über Dinge wie Quoten und Aussengrenzen gepokert wurde. Anders kann ich mir nämlich diese Aussage nicht erklären. 

Das Gute ist: Die Regierung dürfte ansatzweise doch vermuten, dass Handlungsbedarf besteht. Und sie dürfte sich jetzt doch sogar einbringen wollen.

Deshalb hier eine kurze Auffrischung, was andere einstweilen gemacht haben:

Andere stellen aus dem Nichts eine Krankenstation auf die Beine. Andere versorgen. Verarzten.
Andere geben Deutschkurse im Schatten.
Andere sortieren in den Sammelstellen.
Andere errichten einen W-Lan Hotspot.
Andere stürmen die Charts mit Schweigeminuten. Setzen Zeichen.
Andere sammeln in ihrer Umgebung Sachen. Sie spenden Geld.
Viele, viele andere öffnen ihre Kofferäume. Verteilen.
Andere geben durstigen Kindern Wassermelonen.
Andere. Das sind sie. Das sind wir. Das bist du.
Wären sie nicht. Wären wir nicht. Wärest du nicht, wäre alles noch viel, viel schlimmer.
Vergessen dürfen wir aber auch nicht: Es gibt dann noch andere Andere. Die rollen mit ihren Autos durch die Akademiestraße, hupen und rufen: „Schleichts eich.“
Andere bezeichnen Menschen als Tiere. Wieder andere fordern Konzentrationslager.
Spucken auf die Menschen, die am Boden liegen.
Sind neidig auf die, die eh nichts haben.

Und wieder andere lassen Kinder, traumatisierte, wehrlose Kinder unbeaufsichtigt herumlaufen, wo niemand sie beschützen kann vor wieder anderen.

Was es deshalb jetzt braucht:

Menschliches Handeln. Menschliches Handeln der Politik.
Gemeinsam Gehen für menschliche Verhältnisse in Traiskirchen. In ganz Österreich.
Lasst uns am 31.8. ein zweites Lichtermeer machen. Um 18h am Christian-Broda-Platz, 1060 Wien. Weil wir alle Menschen sind. Gehen wir auf die Demo. Leise lauter werden als alle anderen.

traiskirchen

Wer das gelesen hat, wollte auch das hier lesen.