Archiv für den Monat: Februar 2015

Der Islam ist auch beim Kasperl daham!

kasperl

 

Funktionierende Integration hat zwei Seiten. Und eine Kasperlvorführung einen Anfang und zum Glück auch ein baldiges Ende, da das kindliche Fassungsvermögen und Sitzfleisch begrenzt ist und auch Eltern irgendwann von Qualen erlöst werden müssen.

Aber was hat Integration mit dem Kasperl zu tun? Seit ich denken kann, gilt die Kasperlaufführung in Österreich irgendwie als unverzichtbare Kulturveranstaltung für die Kleinsten zur Förderung der frühkindlichen Entwicklung von Moralverständnis. Naja. Darüber kann man diskutieren, oder einfach hingehen, um zu schauen, ob es den Kindern denn gefällt. Entertainment ist manchmal alles. Also, um es kurz zu machen: Ich war dort.

Auf meinem Schoß der fast Vierjährige, als menschliche Armverlängerung das einjährige Jo-jo und neben mir eine Mutter mit Tochter. Während der Große dem ländlichen Akzent vom Pezi gebannt lauscht und laut „Jaaaa, wir sind alle da. Krawutzikaputzi“ ruft, fängt der Kleine an, mit der Mutter neben mir Kontakt aufzunehmen. Auch ich lächle ihr zu, wir halten Blickkontakt, kommen ins Gespräch. Was ich in der Disco Anfang 20 gelernt habe, wende ich heute gegenüber sympathisch wirkenden Müttern an. Wir unterhalten uns. Angeregt.

Als der Kasperl vorbei ist und sich unsere Wege trennen, bedankt sie sich bei mir, dass ich sie auf Deutsch angesprochen habe. Ich frage nach, ob das denn nicht oft vorkommt. Sie antwortet: „Noch nie ist mir das passiert. Das liegt halt an dem Kopftuch.“ Ich muss schlucken. Denn die Frau lächelt zwar, als sie das sagt, aber ich sehe den traurigen Ausdruck in ihren Augen.

Leute, so funktioniert Integration nicht. Diese Frau hat ihren Teil erledigt. Sie schleppt ihr Kind zum Kasperl, Pezi und Tintifax. Also müssen wir auch einen Schritt auf sie zu kommen.

Laut der aktuellen OGM-Umfrage sehen 62 Prozent der Österreicher das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen als „eher nicht so gut“ an. Und was machen wir? Wir (86%) fordern mehr Polizei-Präsenz in der Öffentlichkeit. Das ist ein grundfalsches Zeichen, das wir damit setzen. Und auch die Debatte, die jetzt geführt wird, ist nicht nur obsolet, sondern fast schon dumm. Wir sollten nicht darüber diskutieren, nicht einmal die Frage stellen, ob der Islam zu Österreich gehört. Denn wenn man darüber redet, ob jemand dazu gehört, schliesst man ihn schon automatisch aus. Und wer sich ausgeschlossen fühlt, wird traurig, wütend. Und zwar berechtigt.

Der Islam ist hier daham. Punkt. Und die Menschen, die der Religion angehören, (übrigens egal welcher) sollen sich auch so fühlen können. Das tun sie aber leider nicht, wenn sie ständig in gebrochenem Deutsch, oder auf Englisch, oder noch schlimmer gar nie angeredet werden.

DARÜBER SOLLTEN WIR REDEN. Und wenn es sein muss alle öfter zum Kasperl gehen. Mit Kopftuch oder ohne.

 

Wer das gelesen hat, wollte auch das hier lesen.

JournalistIN werden und sein

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Wenn du ÄrztIn werden willst, kommst du um ein Medizinstudium nicht herum. Willst du unterrichten, solltest du „auf Lehramt“ studieren. Willst du RettungssanitäterIN werden, musst du dich dazu ausbilden lassen. Aber wie wird man eigentlich Journalist? Eine verpflichtende Ausbildung gibt es keine. Der Großteil der Journalisten wird im Job ausgebildet*. Auch ich. Obwohl ich Kommunikationswissenschaften studiert habe. Aber nicht um Journalistin zu werden. Mich hat tatsächlich das Studium interessiert. Reisefotografin war mein eigentlicher Berufswunsch. Deshalb habe ich auch Ethnologie als Nebenfach gewählt und einen Fotografielehrgang besucht. Geworden bin ich dann aber doch Journalistin. With a little luck.

Ich durfte nämlich während dem Studium fast Vollzeit für ein Special-Interest-Magazin schreiben. (Verdienst: weit unter dem Mindestlohn, kein Urlaubsgeld, kein Krankengeld, keine Versicherung) Leisten konnte ich mir das nur, weil ich ein Scheidungskind bin und damals noch Alimente bekam. (Nur schlecht ist das also auch nicht.) Um mein Leben zu finanzieren, habe ich mich in der PR-Branche tageweise erniedrigt: In weißem, wallenden Gewand Steine im Supermarkt verteilt und dabei „Finde, dein TAO“ gerufen. Ich war als Weihnachtsengerl verkleidet und habe in Elektrofachgeschäften Hochdruck-Espresso gezapft. What else?

Als bereits fertige Frau Magistra durfte ich dann sehr wertvolle Erfahrung bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland machen. (Verdienst 75 Cent/Tag jaaaaaa Cent. Ich habe mich nicht vertippt. Cent. Nicht Euro. Bitte ich beschwere mich nicht, es soll ja auch tatsächlich unbezahlte Praktika geben) Leisten konnte ich mir das nur, weil ich gratis wohnen durfte. With a little help from my friends.

Es ist ja gar nicht so einfach einen Fuß in die Türe der Medienbranche zu bekommen, wenn du den Chefredakteursposten nicht gerade vererbt bekommen hast und die Freundin von der Mama nicht da den Freund hätte, der da jemanden kennt. Sagt man. Der Andrang ist groß. Es wollen viel mehr als können. Es heißt, du brauchst Vitamin B oder Glück. Ich hatte Glück. Aber um dort auch Fuß zu fassen, brauchst du dann doch etwas mehr: Vor allem Arbeitseifer. Faul sein darfst du nicht. Und: Fast alle, die es hineinschaffen sind Idealisten. Sie wollen verändern, verbessern, seriös arbeiten und wichtige „G’schichtn aufreissen“. Niemand ist dort, um sich einen lauen Lenz zu machen. Auf lazy sunday afternoons musst du bereit sein zu verzichten.

Reich wird man dabei eher auch nicht (Durchschnittseinkommen liegt bei 2600 Euro*). Die Branche ist einem ständigen Wandel unterworfen. Kein Stein bleibt lange auf dem anderen. Alles muss schnell gehen. Und Ruhm? Den gibt es nur für die Allerbesten. Oft bleibt allerdings der Spott auf dem Weg dorthin nicht aus. Fehler machst du immer öffentlich. Vor Lesern, Sehern, Hörern. Trotzdem würden die meisten Journalisten wieder Journalisten werden, wenn sie noch einmal die Wahl hätten*. Auch ich freue mich wieder auf meine Rückkehr nach der Karenz.

Ein Patentrezept für den Einstieg gibt es nicht. Aber wenn du mal drin bist: Einmal Journalist, immer Journalist. There’s no easy way out.

 

* Untersuchungsergebnisse der Journalistenstudie Österreich des ÖJC 2013