Archiv für den Monat: November 2014

How to become a Hausfrau

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Montagmorgen im Supermarkt

Wie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit hole ich mir schnell ein Kürbiskernweckerl mit Gouda, ein Latella und ein Kinder Bueno aus dem Supermarkt um die Ecke. Das Wochenende war wild und meine Augen brennen vor Müdigkeit, als ich hinter der Wurschtbudel Stellung beziehe. Ich muss mich anstellen. Hinter einer Mutter mit zwei kleinen Kindern.

Pensionisten, Arbeitslose und Hausfrauen/männer bitte zwischen 9 und 18h einkaufen gehen. Wenn andere Leute arbeiten. Danke!“, murmle ich genervt vor mich hin. Sie hört mich nicht. Denn das kleinere Kind quietscht und raunt in einer nervtötend Stimmlage vor sich hin, während das ältere an ihrer Jacke zupft und laut „Mmmmmmmammmmma, Maaaaaamaaaaaa, Mmmmmmamaaaaaaa!“ schreit. Die Mutter lässt sich nicht beirren und ratscht apathisch ihren Never-ending-Einkaufszettel runter. Am liebsten würde ich mir die Ohren zu halten.

Was ist denn los?“, fragt die Mutter das Kind endlich, als sie mit der Bestellung fertig ist.

„Gell? Der Papa verdient das Geld in der Arbeit und du gibst es dann hier wieder aus. Stimmt’s?“

Ich höre die Frau schlucken. Lauter als das Kind geschrien hat. Röte steigt ihr ins Gesicht, während sie sich hastig umschaut und ihr Blick an meinen Augen hängenbleibt. Vor Scham? Vor Wut? Keine Ahnung. Also lächle ich verlegen und denke: „Selber schuld. Hättest halt etwas Gescheites studiert.“

Erst gestern haben meine Freundinnen und ich wieder einmal bei einem gemütlichen Sonntagsbier über Emanzipation, die Hausfrauenfalle, Hausarbeitsplan (Was ist das bitte überhaupt?) geplaudert. Emanzipation muss man leben. Das beginnt schon zu Hause. Ich kann nicht die Gesellschaft für die fehlende Gleichberechtigung verantwortlich machen. Wenn ich mich nur halb um den Haushalt kümmere, dann ist mein Partner dazu gezwungen das andere Halb zu erledigen. Funktioniert prächtig. Wir sind uns alle einig. Hausfrauen wollen wir alle nicht werden.

Ich greife nach dem Latellapackerl im Milchregal, wo die Mutter hastig faire Milch in ihr Wagerl schlichtet. Einen Gschropp hat sie am Arm, den anderen ruft sie hysterisch, weil verschwunden. Einen Liter, noch einen Liter und noch einen. Bitte wie viel Milch kann man brauchen? Ich denke an Hamsterkäufe vor dem Bauernaufstand der IG-Milch.

Ich habe gearbeitet. Während dem Studium. Nach dem Studium. Vor meinem ersten Kind. Auch zwischen den beiden Kindern“, sagt die Mutter plötzlich ungefragt zu mir und ruft schon wieder den Namen des Kindes. Warum erzählt sie mir das, verdammt? Soll sie doch mit den anderen Müttern im Kinderkaffee ihren Frust von der Seele reden. Ich schaue möglichst gelangweilt drein, damit sie merkt, dass ich an dem Gespräch gar kein Interesse habe.

Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde ich vielleicht sogar jetzt schon wieder arbeiten“, redet sie einfach weiter, als hätte ich sie auf meine Couch eingeladen.

Die Möglichkeit hat man immer“, sage ich und bereue es, denn ich habe es mittlerweile schon sehr eilig. Schoki muss ich schließlich auch noch holen. Ja, das habe ich auch gedacht“, lacht sie, weil ihr älteres Kind endlich angerannt kommt. „Aber hier gibt es keine öffentliche Kinderbetreuung unter 2,5 Jahren. Und die private ist unleistbar, selbst wenn man arbeitet.“

Mimimi“, sage ich und sie lacht. Das Kind streckt die Arme aus, klettert an ihr hoch und wischt die Rotznase an ihrem Schal ab. Sie hat jetzt auf jedem Arm ein Kind.

Was ist mit Väterkarenz?“, frage ich blauäugig und lege die Stirn in Falten, damit sie sich nicht so alt und runzlig fühlt.

Väterkarenz ist eine tolle Sache. Genau wie Halbe-Halbe. In der Theorie. In der Praxis muss man sich die Einkommensschere wegdenken. Wenn Frauen im Durchschnitt um 22,7% weniger verdienen als die Männer, ist ja klar wer zu Hause bleibt. Vom Karenzgeld kannst nicht leben. Bleibst du länger als ein Jahr zu Hause, liegt das Kinderbetreuungsgeld unter dem gesetzlichen Mindesteinkommen. In meinem Freundeskreis sind eigentlich fast alle Frauen bei ihren Kindern geblieben. Obwohl sie alle studiert haben. Die Männer höchstens ein bis zwei Monate, wenn überhaupt. Die Frage des Wollens stellt sich da oft gar nicht.“

Ihre Kinder fangen wieder an zu quengeln. Mit ihrem Becken schiebt sie das Wagerl weiter. Die Kinder hat sie auf dem Arm. Lachend schaut sie über ihre Schulter zu mir zurück und ruft: „Und dabei habe ich nicht einmal Anspruch auf die Hacklerregelung. Dabei trage ich gerade 24 Kilo mit mir herum. Selbst die beim Jagdkommando tragen nur 10. Und ich habe eine 24h-Schicht. Sieben Tage die Woche. Bei Hitze. Bei Kälte. Mitunter Pflege von erkrankten kleinen Menschen. Körperlich und psychisch belastet. Alles dabei.“

„Hör mit dem Jammern auf, Alte“, sage ich leise und schüttle den Kopf. Dann renne ich in die Süßwarenabteilung, damit ich an der Kassa in der Schlange nicht hinter ihr stehen muss. Als ich gerade zahle, räumt sie ihr vollgestopftes Wagerl aus. Das ältere Kind hilft ihr dabei. Sie lobt es stolz.

Bevor ich den Supermarkt verlasse, drehe ich mich noch einmal um und frage mein fünf Jahre älteres Ich: „Und? Würdest du es wieder so machen?

Ohne zu überlegen, antwortet sie: „Du bist nicht nur ungeheuer naiv, sondern auch ganz schön dämlich. Diese Frage kannst du nur stellen, weil du dir deine Kinder nicht genau angesehen hast!“

Bin ich überhaupt eine richtige Frau?

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Bereits zum dritten Mal in diesem Herbst habe ich den Versuch gewagt Winterschuhe einkaufen zu gehen. Genauer gesagt Stiefel. „Ja, und“, fragt ihr euch jetzt,„Warum erzählt die Alte uns das?“

Ich werde euch verraten warum. Für mich ähnelt der Schuhkauf einem leidvollem Zahnarztbesuch. Der Zahnarzt findet Löcher, aber ich keine neuen Sitefel. Stattdessen muss ich jedes Mal aufs Neue eine andere schreckliche Entdeckung machen: Ich habe keinen Schuhgeschmack. Damit meine ich nicht, ich habe einen schlechten Geschmack, was Schuhe betrifft. Nein, ich habe ganz einfach gar keinen Geschmack, was Schuhe betrifft. Und glaubt man dem SATC-Credo und sämtlichen Modemagazinen dann stimmt irgendwas nicht mit mir. Das stellt ja wohl mein ganzes Frausein in Frage. Oder nicht?

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Mit diesem Gedanken im Kopf nehme ich mich zusammen und schlendere durch die Regale. Minuten, vielleicht Stunden später komme ich wieder zu mir und stehe in der Herrenabteilung. Himmel noch mal. Konzentriere dich! Es gibt Menschen denen das hier Spaß macht. Ungefähr 50 % aller Menschen, heißt es. Was stimmt bloß nicht mit mir? Also gehe ich das Ganze von der rationalen Seite an. Was suche ich denn? Stiefel. Na bravo. So weit waren wir schon. Damenstiefel. Also husch husch zurück in die Damenabteilung. Ich will locker reinschlüpfen können, da ich meistens davor noch vier andere, kleinere Füsschen in Schühchen stopfen muss, die nirgendwo reingestopft werden wollen. Deshalb soll es wenigstens bei mir selbst schnell gehen. Sie sollen keinen, oder nur wenig Absatz haben. Denn ich will damit in den Wald gehen, aber auch ins Kino. Na gut. Ich bin ehrlich. In den Wald. Denn im Kino war ich ja seit 1,5 Jahren nicht mehr. Und dann sollten sie auch noch verdammt gut aussehen, meine neuen Schuhe. Und damit sind wir wieder beim Anfangsproblem. Verflixt noch einmal. Bei Schuhen weiß ich eben einfach nicht, was gut aussieht und was nicht. Ich fange an zu schwitzen und verlasse eilig das Geschäft.

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Während ich nach dem nächsten Schuhladen suche, lässt mich der Gedanke nicht los, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. An den Ohren keine Ringerl, am Arm kein Band und um den Hals kein Ketterl. Neben dem Friseur komme ich zum Stehen. Wann habe ich mir das letzte Mal die Haare schneiden lassen? Es war 2008. Das traumatisierende Mal davor war im Jahr 1996. (Aber davon berichte ich vielleicht ein anderes Mal.) Ich brauche das alles nicht. Keine neue Frise und keinen Silber-, Gold- und Edelschmuck. Als ich das letzte Mal ein Armband getragen hatte, bekam ich davon einen Ausschlag über den ich mich zwei Monate lang freuen durfte. Und zwar jedes Mal, wenn ich auf mein rotes, pulsierendes, geschwollenes Handgelenk geblickt hatte. Endlich! Endlich hatte ich eine Ausrede.

Aber für Bloßfüßig im Schnee gibt es eben leider keine Ausrede, denke ich, während ich also auf das nächste Schuhgeschäft zusteuere. Nur doofe Blicke, eine dicke, rote Nase und, wenn du Pech hast die Einweisung in die Klapse. Ich überwinde mich und besuche noch drei, vier Schuhgeschäfte. Am Ende weiß ich nicht mehr, in welchem Geschäft ich schon war und in welchem nicht. Ich will mich nicht länger belügen: Ich war nur alibihalber da drinnen, damit ich mir einreden kann, es zumindest versucht zu haben. Ich weiß jetzt schon, dass ich wieder versagen werde. Ich schaffe es nicht einmal mehr ein Paar anzuprobieren. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Mit leeren Händen fahre ich also nach Hause und habe Tränen in den Augen, als ich an einem Plakat von Conchita Wurst halten muss. Sie hat bestimmt kein Problem passende Schuhe für jede Gelegenheit zu finden, denke ich nicht fast neidisch. Nein, ich bin grün vor Neid.

Als ich zu Hause ankomme, fühle ich mich schon mehr als Versager, als Versagerin und ziehe meine Schuhe aus. Wie die aussehen, fragt ihr euch jetzt bestimmt. Die sind froschgrün und echt toll. Ja, ich liebe sie sogar, weil ich mir durch sie zwei Mal neue Schuhe kaufen erspart habe. Sie bestehen aus drei Teilen. Schlapfen, Sneaker und eine Schuhform, die etwas höher ist als Sneaker. (Vom Schuhfachjargon habe ich nämlich auch keine Ahnung. So!) Nur im Winter, im Schnee kann ich die leider nicht tragen. Vielleicht kaufe ich ein Fell dazu, mit dem ich sie füttere und ziehe drüber einfach ein Plastiksackerl, das ich mit einem Gummiringerl um den Knöchel verschließe. Voila, winterfestes Gehwerk. Was meint ihr? Geht das durch?

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Eine Hoffnung habe ich aber noch: Vielleicht gibt es unter meinen Leser/innen ja zufällig eine/n Schuhgeschmacksspezialisten/in. Das ist also nicht nur eine belanglose Schuhgeschichte, sondern ein Aufruf: Für Tretertipps bin ich und meine frierenden Zecherln jedenfalls jetzt schon sehr dankbar. Was mir allerdings noch mehr bedeuten würde: Wenn ich durch mein Outing eine Leidensgenossin finden würde, damit ich mich als schuhgeschmackslose Frau nicht ganz so unfrauig vorkomme. (Männer ausgeschlossen.) Danke.

 

Wer das gerne gelesen hat, wollte das hier noch lieber lesen.