Archiv für den Monat: Juli 2014

Kinderlieder zum Fürchten lernen

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Man nennt sie Kinderlieder, in Wahrheit sind es düstere Horrorgeschichten melodiös unterlegt. Habt ihr da eigentlich schon einmal genau zugehört, wenn ihr euren Kindern diese Lieder vorsingt? Ja natürlich, sie wurden uns schon vorgesungen, und wir haben sie im Hinterkopf gespeichert (ich vermute irgendwo in der Angstregion), und deshalb kramen wir sie aus den dunklen Tiefen wieder hervor, um unsere lieben Kleinen damit zu „beruhigen“ und in den Schlaf zu singen.

Aber jetzt einmal ehrlich, wenn ich mir dabei selbst zuhöre, wundere ich mich zitternd und gruselnd, dass aus uns nicht eine Gesellschaft voller Psychopathen und aggressiver Wutbürger geworden ist. Aber hoppla. Kurze Schreibunterbrechung zwecks Nachdenken. Vielleicht sollten wir die Texte eben doch noch einmal überdenken, sie ein wenig harmloser gestalten, sie an die heutige Zeit anpassen. Warum denn nicht?

Wenn man eine Bundeshymne ändern kann, damit sich in den Köpfen, im Denken der Menschen etwas verändert, dann kann man dasselbe ja wohl auch mit Kinderliedern tun.

Die Welt ist schließlich schon grausam genug. Man kann ja kaum das Radio aufdrehen, ohne dem Kind – nach nur vier Sekunden reinhören – erklären zu müssen, was ein Geisterfahrer unter Alkoholeinfluss ist. Die Grimm’schen Märchen kann ich auch nicht unzensiert vorlesen. Da werden Menschen verschlungen und Bäuche aufgeschlitzt, diese mit Steinen befüllt und dann bei Kuchen und Wein einem Tier beim Krepieren zugesehen. Wer liest denn das heutzutage einem unschuldigem Kind vor? Eben! Da kann ich doch auch blutrünstige Kinderlieder getrost weglassen, oder zumindest umdichten. Den Kindern ein bisschen rosarote Freude und zuckersüße Eierkuchenwelt lassen, eh nur so lange es noch geht.

Strophen, wie….

Fuchs du hast die Gans gestohlen
gib sie wieder her,
gib sie wieder her,
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr
sonst wird dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr

Seine große lange Flinte
schießt auf dich den Schrot
schießt auf dich den Schrot,
dass sich färbt die rote Tinte
und dann bist du tot.

.müssen doch echt nicht sein. Also hex, hex, text, text:

Fuchs du hast die Gans geärgert
hast dumm zu ihr gesagt,
sag: entschuldigung
sonst holt sie Konrad Lorenz
und bläst zum Gänsemarsch
Ihr großer, langer Schnabel
kitzelt dir den Bauch,

kitzelt dir den Bauch,
bis du nur noch schna-hatterst,
dumm‘ Gans bist du dann auch.

Dann gibt es noch die Lieder, die zwar weniger blutrünstig, aber nicht weniger erschreckend sind:

Die Tiroler sind lustig,
die Tiroler sind froh,
sie nehmen ein Weibchen
und tanzen dazu.

Erst dreht sich das Weibchen,
dann dreht sich der Mann,
dann tanzen sie beide
und fassen sich an.

Also bitte, das geht ja gar nicht. Weibchen? Das man nimmt? Das Wort „Weibchen“ an sich wurde zu Recht in die Tierwelt verbannt. Man tausche es gegen Dame. Aber die nimmt man nicht, sondern fragt sie zuerst um Erlaubnis und führt sie dann galant zur Tanzfläche, wenn schon. Das mit dem Anfassen finde ich ja schön für die beiden, aber in einem Lied auf der CD „Kinderliederklassiker“? Begrapschen könnt ihr euch, wenn Jane und Serge „Je t’aime“ singen, aber bitte doch nicht beim Schuachplattler für die Kinder.

Und dann gibt es auch noch die Kinderlieder, die zwar ganz herzig sind, aber doch irgendwie unzeitgemäß. Deshalb doktere ich auch am Es-klappert-die-Mühle-Lied herum. Denn sollen meine Kinder Angst bekommen, einen elendiglichen Hungertod sterben zu müssen, wenn einmal die Ernte ausfällt?

Aus…..
Er mahlet das Korn zu dem kräftigen Brot
Und haben wir dieses dann hat’s keine Not
Klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp

wird…..

Er mahlet das Korn zu dem leicht adipösen Brot
Und nur wenn es Bio ist, essen’s wir auch
Klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp

Jaja, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Bei mir wünschen sich nämlich auch alle Vögel, wenn sie dann endlich mal da sind, „Glück und Segen“ und eben kein „Heil“. Weil dieses Wort einfach zu bedeutungsschwer ist. Ich weiß, es gibt sicher sch…stürmische Stimmen, die behaupten, mein Umtexten wäre ein Frevel, vielleicht sogar ein Verbrechen am Urheberrecht. Denn, was uns nicht geschadet hat, kann doch unseren Kindern nur gut tun, sagen sie. Naja, ich weiß nicht. Ich bin ja auch mit diesen Liedern und Texten aufgewachsen. Mein Lieblingsbuch war Hatschi Bratschis Luftballon. Gruselig, und nicht gerade vorurteilsfrei, wenn ich mich recht erinnere. Und mein liebstes Lied war das mit dem Stieflein, das sterben muss. Kennt ihr das?

Stieflein muss sterben, ist noch so jung, jung, jung.

Stieflein muss sterben, ist noch so jung.

Wenn das der Absatz wüsst‘, dass Stieflein sterben müsst‘,

würd‘ er sich kränken bis in den Tod.

Na toll. Zwei Leichen in nur vier Zeilen. Ich habe das Bild, das ich als Kind dabei gesehen habe, noch ganz genau vor Augen. Ein armer, kleiner, einsamer, kaputter, roter Stiefel, der weint, weil er sterben muss. Und dann kommt so ein Männchen mit Hut (ich hatte ja keine Ahnung was ein Absatz ist), das weint noch viel mehr, bis die Beiden nebeneinander in einer großen Tränenlacke sitzen, wo sie schließlich gemeinsam jämmerlich ersaufen. Als dieses Lied in meinem Leben präsent war, befand ich mich keineswegs in meiner morbiden Phase als 13-Jährige, sondern ich schätze ich war zarte vier Jahre alt.

Und dann gab es da noch dieses Lied von einem Jüngling namens Johann Gottfried Seidelbast, das wir meist fröhlich im Auto trällerten. Ich möchte den düsteren Text nicht mit euch teilen, zu sehr schockiert er. Nur das Ende sei verraten. Johann Gottfried wählt am Ende, kurz vor seiner Angebeteten, den Freitod. Warum, zum Teufel? Wer erfindet denn solche Kinderlieder?

Ich habe echt keine Ahnung, was diese Texte in meiner armen Kinderseele angerichtet haben. Möglicherweise gar nichts. Aber vielleicht doch irgendwas. Mein Hang zu traurigen Melodien und schwermütigen Texten ist jedenfalls geblieben.

Allein schon dafür lohnt es sich, da ein bisschen an den Strophen zu feilen, umzustellen, die Buchstaben auszutauschen, anders zu kombinieren. Ich texte jedenfalls weiter um. Damit meine Kinder später einmal sorgenfrei in der Disko Gute-Laune-Musik hören können, ganz ohne Nackenhaarprobleme.

 

 

Hast du einen Traum?

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In meinem letzten Eintrag habe ich ausschließlich über mich selbst geschrieben. Über meinen kleinen Traum, den ich früher gehütet habe, wie ein Geheimnis. Weil ich Angst hatte ihn frei zu lassen. Weil ich Angst hatte vor den Reaktionen der Anderen. Angst hatte, ausgelacht zu werden. Und noch immer Angst davor habe, dass dieser Traum nie wahr wird.

Doch jetzt kennen alle meinen Traum und ich spreche viel darüber. Fast jede/r, die/den ich treffe, spricht mich darauf an. Sollte er nie in Erfüllung geht, werden alle wissen, dass ich meinen Traum austräumen musste. Bemitleiden mich dann, oder schlimmer noch, sie lachen vielleicht hinter vorgehaltener Hand darüber. Über eine, die es versucht, aber nie geschafft hat. Träume machen verletzlich. Dabei sind Träume doch so schön, weil sie individuell sind. Sie sind das, was uns wirklich ausmacht. Sie machen uns zu dem Menschen, der wir wirklich sind.

Ich rede nicht von den Träumen, die wir alle haben, die wichtiger sind, über allem stehen: Die Gesundheit unserer Familie, noch vor unserer eigenen Gesundheit. Lieben und geliebt zu werden. Möglichst sorgenfrei zu leben.

Ich rede auch nicht von dem Traum eines einzigartigen Menschen, den 51 Jahre später noch immer nicht alle träumen, und von dessen Erfüllung wir noch immer sehr weit entfernt sind. Nämlich, dass endlich jeder kapieren muss, dass kein menschliches Leben mehr, oder weniger wert ist, als ein anderes. Gerade heute ist dieses Thema wieder brandaktuell. Wenn ich den Aufruf „Nie wieder Judenhass“ sehe, frage ich mich, wie schlimm es um uns alle steht. Ich will in einer Welt leben ohne Rassismus, Antisemitismus und Hass. Was muss man für ein Mensch sein, wenn man sich das nicht wünscht, frage ich mich. Aber dieser Traum ist zu groß, um hier in ein paar Zeilen darüber zu schreiben.

Ich rede von unseren kleinen Träumen. Sie begleiten uns jeden Tag. Wir stehen mit ihnen auf. Und wir denken an sie, wenn wir schlafen gehen. Aber wir reden kaum über sie. Über das Wetter, über den neuesten Shitstorm, über die Arbeit, ja wir reden sogar eher über unsere Probleme, als über unsere Träume.

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Und das finde ich schade. Ich würde gerne eure kleinen Träume kennen. Von jedem von euch. Nicht mehr fragen: „Lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s denn so?“, sondern, „Hast du einen neuen, kleinen Traum. Oder vielleicht einen alten, den du nach vielen Jahren immer noch träumst?“

Ich fange gleich bei meinem kleinen Sohn an, den ich fast besser kenne, als er sich selbst. Doch nur fast. Denn ich weiß nicht, was sein kleiner Traum ist. Seine Antwort lautete: „Mein Traum ist ganz weit, weit weg. In Kalifornien.“

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Träume sind etwas wunderschönes. Selbst, wenn sie irgendwann einmal zerplatzen sollten. Deshalb sollten sie uns nicht verletzlich machen, sondern uns stärken. Weil wir die Fähigkeit besitzen, sie zu träumen.

 

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