Wer schreit, verliert!

Ein Woche ohne Schimpfen – Ein Experiment.

Schimpfen mag ich nicht. Habe ich – wen wundert’s – schon als Kind nicht sonderlich gemocht. Damals tröstete mich der Gedanke, dass ich selbst einmal mit meinen Kindern schimpfen kann, wenn ich erstmal groß bin. Ein Trugschluss, wie sich herausgestellt hat. Denn Spaß macht es immer noch nicht. Schimpfen ist erniedrigend. Und zwar für beide Seiten.

Mit Kopfschütteln und einem herzlichen „Sicher nicht“ habe ich auf den Vorschlag reagiert, ich solle das Experiment wagen: „Eine Woche ohne Schimpfen“ und dann darüber berichten. Doch dann passierte es: Ich schimpfte mit meinen Kindern aus einem sofort wieder vergessenen Grund und dachte: Warum nicht einfach einmal auszuprobieren? Herausforderung angenommen.

Schimpfen: Pro und Contra

Als harmoniesüchtiger und geräuschempfindlicher Mensch stehe ich dem Schimpfen eigentlich skeptisch gegenüber. Aber was soll ich sagen: Meine Kinder scheinen mein Geschimpfe zu lieben. Sie wollen es. Brauchen es. Das beweisen sie mir täglich, oft stündlich, ja manchmal sogar minütlich. Und was zusätzlich für das Schimpfen spricht: Ich bin auch ein wenig skeptisch gegenüber der Ich-lasse-meinem-Kind-alles-durchgehen-und-schaue-lieber-kurz-mal-weg-Strategie eingestellt.

Trotzdem schimpfe ich aber eher widerwillig und meist wirklich nur dann, wenn ich es 3-12 Mal (hängt von meiner Geduld und der Ausdauer der Kinder ab) auf die nette Art versucht habe. Nur bei einer einzigen Ausnahme erteile ich mir hochoffiziell immer die Lizenz zum Schimpfen: Wenn Kinder Gewalt anwenden. Beim Hauen, Stoßen, Kratzen, Beißen, Boxen, Haare ziehen ist bei mir das Fin des Laissez-faires erreicht. Sonst aber gibt es meiner Meinung nach nichts, das man nicht in einem ruhigen Tonfall erklären kann:


Ein Beispiel:


„Bist du verrückt? Im Schianzug in den eiskalten BAAAACH springen? Komm sofort da heraus!“

Muss doch nicht sein.


Stattdessen: „Bitte warte doch bis wir wieder Plusgrade haben, mein kleines Eis am Stil, ja? Dann gehen wir wieder in den Bach schwimmen.“



Geht doch auch! Nein, ernsthaft: 
Man muss nicht immer gleich die Nerven weghauen. Tief durchatmen. Das sind schließlich Kinder. So lange sind die noch gar nicht auf der Welt, dass sie unsere Regeln auf Anhieb verstehen können, und sich auch daran halten wollen. Denn ihr Job ist es unsere Grenzen zu testen. Sie müssen sich eben vergewissern, dass wir sie noch lieben, wenn sie uns absichtlich drei bis dreitausend Mal am Tag provozieren.
 Wer dann brüllt, wer schimpft, zeigt eigentlich Schwäche. Machtlosigkeit gegenüber der ganz normalen Entwicklung unserer Kinder.

TAG 1: 
Nicht nur durch Zufall, sondern auch aus kühler Berechnung fällt dieser Tag 1 auf einen Freitag. Der Vater bringt da nämlich traditionell die Kinder in den Kindergarten und holt sie auch wieder ab. Ich verbringe fast den ganzen Tag in der Arbeit. Ein sanfter Einstieg also. Und ein gelungener. Nicht ein einziges Mal musste ich Schimpfen. Als ich die Kinder dann am Abend ins Bett bringe, dauert es fast 90 Minuten bis sie einschlafen. Länger als sonst. Kein Wunder: Einer kreischt, der andere brüllt, hüpft herum, schlägt im Bett Purzelbäume. Tja, da tut man sich mitunter schwer in die Traumwelt einzutauchen. Letztlich schreie ich also doch: „Bitte Ruhe jetzt!“ Nicht weil ich schimpfe, sondern, weil sie mich sonst einfach nicht gehört hätten. Ich finde das höfliche „Bitte“ rettet mich davor, schon an TAG 1 gescheitert zu sein.

TAG 2: So ein Tag kann sehr, sehr lang sein. Nach Freitag kommt nämlich Wochenende. Und wir verbringen den ganzen Samstag gemeinsam. Wir spielen, wir machen die Hausarbeit, die in den letzten Tagen liegen geblieben ist und wir essen gemeinsam. Am Nachmittag brechen wir zu einem dreistündigen Spaziergang auf. Vielleicht dann doch etwas zu lang bei Mitte-Jänner-Temperaturen. Die Kinder raunzen. Der Mann schimpft. Ich nehme mir die Zeit zu überlegen, wo laut reden aufhört und schimpfen beginnt.

Ich beschließe folgende Definition:

Schimpfen ist lautes Sprechen bis leises Schreien (lautes Schreien fällt schon unter Brüllen) mit erniedrigendem Wortlaut auf Kosten des sinngebenden Inhalts.

Ich will nicht schimpfen. Also bleibe ich sanftmütig, ermutige die Kinder weiter zu gehen, baue Hüpfspielchen ein und führe mit den Kindern Gedankenexperimente durch. Dann verlassen mich die letzten Kräfte und Ideen. Und ich haste im Laufschritt nach Hause, bevor ich zu fluchen und vielleicht sogar noch zu schimpfen beginne.

TAG 3:

 Sonntag. Familienfeiertag. Zum Glück treffen wir heute so viele Verwandte, dass ich die Füße hochlegen, und den anderen beim Erziehen zu schauen kann (Es braucht ja bekanntlich ein ganzes Dorf…). Zumindest läuft das die ersten 15 Minuten ganz gut. Als dann der Kleine (Alter: Beginn Trotzphase) beim Abendessen Gabeln, Stifte und Apfel quer über den Tisch pfeffert, geben mir acht stark angehobene Paar Augenbrauen zu verstehen, dass ich vielleicht doch ein mahnendes Wörtchen an den scheinbar missratenen Nachwuchs richten sollte. Ich schimpfe aber nicht. Sondern ich erkläre, dass man das nicht tut aus diesen und jenen Gründen (Der Kleine grinst und scheint kleine, wolkige Bla-Bla-Blas aus meinem Mund fliegen zu sehen) und konfisziere alles Pfefferbare in seiner Reichweite. Die Dorfgemeinschaft, also die Verwandtschaft hätte sich da wohl etwas mehr Erziehungseinsatz von mir erwartet. Ich mir von ihnen übrigens auch. Sie nehmen an dem Experiment schließlich nicht teil.

Der schicksalsträchtige Tag 4:

Während ich dem älteren Sohn (Alter: Ende Trotzphase) ausdrücklich und unmissverständlich verbiete die Stiegen hinunter zu gehen, entfernt er sich weiter von mir. Zwar rückwärts und im Zeitlupentempo, aber doch merkbar. Ich sage noch einmal, er soll zurückkommen. Und dann noch einmal. Bringt nichts. Gar nichts. Er hört mich und er sieht mir sogar ganz fest dabei in die Augen. Er geht dennoch weiter. Er gibt mir zu verstehen: Dies ist ein Duell. Und nur einer von uns kann es gewinnen. Also lasse ich ihn gehen. Denn welche Möglichkeiten habe ich denn? Schimpfen? Dann habe ich das Experiment verloren. Nachlaufen? Dann habe ich auch verloren, weil ich meiner eigene Anweisung oben zu bleiben, nicht Folge leiste. Also raufe ich mir meine gerade gekämmten Haare und lasse einen lauten, befreienden Schrei los: Und zwar in das tiefste Innere meines Körpers. Da hat sich wohl einiges aufgestaut die letzten Tage. Und dann denke ich: Ich kann nicht gewinnen. Bei der Erziehung nicht und auch nicht bei diesem Experiment. Denn wir haben alle langfristig ein gemeinsames Ziel: GEGENSEITIGEN RESPEKT ZEIGEN

Meine Kind müssen mir zuhören, müssen mich ernst nehmen. Und sie müssen einen Grund erkennen, warum ich etwas tue, warum ich etwas sage. Denn wenn ich auf der Straße rufe: „Stehen bleiben!“, ist es fatal, wenn sie mich angrinsen und weiter rennen. Und genau das sage ich ihnen jetzt. Genauso wie ich versuche auf ihre Wünsche einzugehen, müssen sie lernen auf mich zu hören. Das müssen sie lernen.

TAG 5:
 Immer und immer wieder…..

TAG 6:
 …..werde ich meinen Kindern das sagen müssen.

TAG 7:

 Für den Rest meines Lebens.

erschienen im TIPI (Ausgabe Frühling 2016)

TIPI - Magazin für die familie (Ausgabe Frühling 2016)

Stirbt die Mitte?

Kommt rücken wir noch ein Stückerl weiter auseinander. Die einen nach rechts. Die anderen nach links. Das scheint das eigentliche Ergebnis dieser Wahl zu sein. Und ich befürchte, das dürfte auch das Prozedere in den kommenden Wochen bis zur Stichwahl ganz gut beschreiben.

In Wien und in Oberösterreich legte die FPÖ bei den Landtagswahlen nicht so stark zu wie im Vorfeld erwartet, dafür hat mit dem gestrigen Wahlausgang kaum einer gerechnet. Am allerwenigsten die Experten, die Meinungsforscher, die Journalisten.

Bei genauerer Betrachtung findet sich dann doch schnell eine Erklärung. Sogar die NY Times analysiert, dass das Wahlergebnis den hohen Grad an Desillusionierung beim Wähler offenbart. Das Volk sei enttäuscht von der großen Koalition, dem Stillstand bei Themen wie Bildung, Steuer- und Pensionsreform (als könnte der/die BundespräsidentIn daran etwas ändern). Zudem habe natürlich die Flüchtlingsfrage, die offenen Grenzen (die mittlerweile geschlossen sind) dazu beigetragen, dass die Stimmung im Land gekippt ist. Nach rechts umgefallen quasi.

Aber ist das tatsächlich die einzige Ursache des Symptoms Rechtsruck? Das angebliche Versagen der Regierung bei diesen Fragen? Ich glaube es ist etwas komplizierter. Diese Symptome sind verbildlicht vielleicht eher vergleichbar mit den wachsenden Triebe einer Wurzel. Einer Wurzel, die man im frühen Wachstumsstadium noch leicht ziehen hätte können. Aber jetzt, da sie zu einem Geflecht der Multikausalität ausgetrieben sind, hat sie sich manifestiert in unserer Gesellschaft. Und die FPÖ schafft es sich dieser Wurzel effektiv anzunehmen und ihre Triebe zu instrumentalisieren, sie zu nutzen und teilweise sogar zu düngen.

Angst. Der allerstärkste Wahlmotor. Alles was es braucht ist einen Sündenbock, auf den wir all unsere Probleme schieben können. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass die “Erfindung” des Sündenbocks eine Welle der Gewalt auslösen kann. Deshalb gilt Bildung ja als Prävention für Rassismus.

Das marode Bildungssystem. Davon profitiert auch indirekt die FPÖ. Norbert Hofer erreichte bei den Wählern mit formal niedriger Bildung  das stärkste Ergebnis (45%). Aber Achtung:

Die Spaltung der Gesellschaft in vermeintlich Gut und Böse forciert die Kluft bei den Wählern. Überhebliche Linke vs. „ungebildete“ Rechte)

Quelle: Facebook-Seite von HC Strache

Quelle: Facebook-Seite von HC Strache

Soziale Medien und Online-Plattformen, wo Beschimpfungen bei polarisierenden politischen Themen wie der Flüchtlingsfrage ein gängiger Umgangston zu sein scheint. Die These: Hass wird dadurch geschürt.

Die EU, die in der Flüchtlingsfrage versagt hat. Auch davon profitieren die rechten und EU-kritischen Parteien in ganz Europa.

Die steigende Arbeitslosigkeit (übrigens schon vor der Flüchtlingskrise).

Politische Inszenierung in den Medien.

Die Liste lässt sich vermutlich endlos fortsetzen. Denn letztendlich gibt es unzählige individuelle Wahlmotive und -entscheidungen, beeinflusst durch verschiedene Faktoren. Es wäre klarerweise längst an der Zeit sich den Ursachen zu widmen anstatt sich über die Symptome zu wundern. Und damit meine ich nicht nur die Politik. Vor allem meine ich damit die Menschen.

Angst ist ein Gefühl. Kein Wahlmotiv. Angst spaltet.