Die Besserwisser

Man möchte meinen, es gäbe nichts Privateres als den Inhalt des eigenen Bauches. Falsch! Wenn der weibliche Bauch plötzlich rund wird, darf die ganze Erdkugel mitreden. Schließlich handelt es sich um ein zukünftiges Mitglied unserer Gesellschaft: Allgemeingut. Ob Medien, Schwiegereltern, kinderlose Freunde oder die Oma von nebenan: Es ist deren verdammte Pflicht sich einzumischen.

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von Alina Rheindorf

“Warum weint das arme Buberl denn? Will er vielleicht eine Schokolade?”, fragt mich die betagte Dame als mein sieben Monate altes Baby im Kinderwagen wütend und rotköpfig vor sich hinkräht. Ich weiß, die Frau meint es nicht böse. Sie will mir helfen. Aber sie macht die Situation nur noch schlimmer. Weil es mich zusätzlich nervt. Aussenstehenden fehlt oft die nötige Empathie zu begreifen, dass ein schreiendes Kind das Potential besitzt Eltern hundertprozentig, ach was wem mache ich etwas vor: zweihundertprozentig auszulasten. Jeglicher Zusatz-Input birgt die Gefahr der Folge Nervenzusammenbruch. Natürlich könnte ich jetzt der erfahrenen Dame höflich erklären, dass sie recht hat. Eine Schokolade würde die Situation garantiert entspannen. Die Geschmacksexplosion auf der Zunge des Säuglings hätte dieselbe Wirkung wie ein Sedativum. Vor allem für jemanden, der bisher in seinem Leben nur Milch, Pastinake und Karotte ungewürzt (also Kategorie: eher fad) kennengelernt hat.

Ungefragt

Anschließend käme natürlich das große “aber”, auf das ich in einer Elternzeitschift gewiss nicht näher eingehen muss. Ich finde allerdings, dass ich das aus Prinzip gar nicht muss. Es ist nicht meine Aufgabe einer mir unbekannten Person die unzähligen Gründe aufzuzählen, warum ein Baby keine Süßigkeiten zu sich nehmen sollte. Ich will ihr auch nicht erklären, dass das Kind weint, weil es müde ist. Dass es weint, weil es im Kinderwagen nicht schlafen will. Dass es weint, weil es getragen werden will. Dass ich es sogar gerne tragen würde. Dass ich es aber nicht tragen kann, weil ich mir am Vortag beim Tragen des Kindes den Rücken vom Nacken bis zum Allerwertesten verrenkt habe. Ich will ihr das alles nicht erklären, weil ich es ihr nicht erklären muss. Ich bin ihr keine Rechenschaft schuldig. Ich habe sie nicht um Rat gebeten. Deshalb zucke ich ungelenk mit meinen schmerzenden Schultern und gehe einfach weiter. Die kleine, rote Krähe vor mir herschiebend.

Jeder weiß alles besser

Es scheint als ob jeder Mensch da draußen besser wüsste, was das Beste für Mutter, Vater, Eltern und Baby ist als Mutter, Vater, Eltern und Baby selbst. Ob diese Person selbst schon am eigenen Leib eine Geburt erlebt hat, ist dabei tatsächlich nebensächlich. Denn schließlich kennt jeder irgendjemanden, der schon einmal von jemandem gehört hat, dass irgendjemand ein Kind zur Welt gebracht hat, oder zumindest dabei zugeschaut hat. Und falls nicht: Jeder von uns wurde zumindest einmal schon geboren. Was einen zum Mitreden irgendwie berechtigen könnte. Und dass sich fast jeder da draußen in der Welt berechtigt fühlt, bestätigt sich schnell.

Umgefragt!

Ich habe mich in meinem Umfeld ein wenig umgehört und bin dabei aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Alle Eltern scheinen diese Situation zu kennen. Sie bekommen schlechte Ratschläge gratis und ungefragt an jeder Ecke.

Dabei würden sie meist nicht einmal für gute Ratschläge teuer bezahlen wollen. Vielleicht ist das Urteil aber voreilig. Sehen wir uns die Beispiele, die unzähligen Tipps und Tricks der selbsternannten Erziehungsexperten, erfahrenen Privatpädagogen, unstudierte Gynäkologen und Hobbyhebammen einfach einmal genauer an. Ich habe die “klügsten” Ratschläge für uns tollpatschigen Rabeneltern zusammengefasst:

Wie wird man denn schwanger?

Eine Frau (nicht schwanger) befindet sich bei der Kontrolluntersuchung bei der Gynäkologin. Die Krankenschwester beruhigt sie mit dem nötigen Feingefühl:

“Sie dürfen nicht so ungeduldig sein. Schwanger werden dauert nun einmal und geht nicht von heute auf morgen. Wie wäre es denn mit Adoption? Haben sie schon darüber nachgedacht? Oder vielleicht ein Haustier bis es soweit ist?”

Lebensrettende Maßnahmen frühzeitig erkennen

Ein Nachbar erkennt die lauernde Gefahr “Samtpfote”, die für das Neugeborene schon bald zur Bedrohung werden könnte:

“Die Katze sollten sie unbedingt loswerden, noch bevor das Baby kommt. Sie wird eifersüchtig sein und dem armen Baby das Gesicht zerkratzen. Und das kann sich noch nicht einmal wehren.”

Schönheit muss eben leiden

Fremde Frau in der Straßenbahn entpuppt sich im Vorbeigehen als Expertin für Milchschorf auf Babyköpfen:

“Das müssen sie runterkratzen. Schaut eklig aus.”

Gefahr im Schlafzimmer

Großvater stärkt das Selbstvertrauen frischgebackener Eltern:

“Das Baby schläft mit euch im Bett? Habt ihr da nicht Angst, dass ihr euch drauflegt und es erstickt?”

Verwahrloste Babygeneration

Mutter liegt mit Kind (10 Monate) auf einer Decke im Schwimmbad und liest Zeitung. Eine ältere Dame geht vorbei, erkennt auf Anhieb das vernachlässigte Kind in der Not. Bevor sie die Fürsorge verständigt versucht sie aber noch an die Mutter zu appellieren. Sie will schließlich nicht vorschnell urteilen:

“Wissen Sie, Babys sind schon arm, wenn man sich nicht mit ihnen beschäftigt. Sind sie denn alleinerziehend?”

Gestörte Eltern-Kind-Bindung

Die Großeltern sind geschockt, ob der viel zu frühen Einkindergartung des 17 Monate alten Enkelkindes:

“Das führt zu einer Langzeit-Bindungsstörung mit zerstörtem Urvertrauen. Schlafstörungen inklusive.”

Mutter bringt ihre 1-Jährige Tochter in den Kindergarten. Eine Frau sagt im Vorbeigehen:

“Mein Sohn musste erst mit 5 Jahren in den Kindergarten. Vorher wollte der gar nicht. Welches Kind will schon weg von der Mama? Man soll ja Kinder nicht zwingen.”

Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen!

Der kinderlose Onkel will zwar mit der einjährigen Nichte einen Motorradausflug machen und danach das Demolition Derby besuchen, glaubt aber eine drohende Lungenentzündung zu erkennen, wenn das arme Kind bei 20°Grad Celsius keine Wollmütze trägt:

“Sie niest ja schon!”

Das stärkste Band der Welt so schwach

Das dreijährige Kind tut sich weh und weint. Die Mutter nimmt es auf den Arm. Doch dann der Schock: Das Kind schreit nach dem Vater. Eine fremde Frau beobachtet entsetzt die Szene und liefert auch gleich die Analyse:

“Da stimmt etwas nicht mit ihnen und ihrem Kind, wenn es nach dem Vater schreit. Da machen sie etwas falsch.”

Falsch! Falsch! Falsch! Unglaublich was Eltern heutzutage alles falsch machen können. Nämlich Alles auf vielfache Weise. Zum Glück sind wir umgeben von vielen weisen Menschen, die wissen, wie man es richtig macht.

Allerdings: Guter Rat ist teuer, wie es so schön heißt. Deshalb behaltet ihn lieber für euch! Denn ungefragt nervt er einfach nur ungeheuer.

erschienen im Tipi – Das Magazin für die Familie (Frühling 2016)

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Wer schreit, verliert!

Ein Woche ohne Schimpfen – Ein Experiment.

Schimpfen mag ich nicht. Habe ich – wen wundert’s – schon als Kind nicht sonderlich gemocht. Damals tröstete mich der Gedanke, dass ich selbst einmal mit meinen Kindern schimpfen kann, wenn ich erstmal groß bin. Ein Trugschluss, wie sich herausgestellt hat. Denn Spaß macht es immer noch nicht. Schimpfen ist erniedrigend. Und zwar für beide Seiten.

Mit Kopfschütteln und einem herzlichen „Sicher nicht“ habe ich auf den Vorschlag reagiert, ich solle das Experiment wagen: „Eine Woche ohne Schimpfen“ und dann darüber berichten. Doch dann passierte es: Ich schimpfte mit meinen Kindern aus einem sofort wieder vergessenen Grund und dachte: Warum nicht einfach einmal auszuprobieren? Herausforderung angenommen.

Schimpfen: Pro und Contra

Als harmoniesüchtiger und geräuschempfindlicher Mensch stehe ich dem Schimpfen eigentlich skeptisch gegenüber. Aber was soll ich sagen: Meine Kinder scheinen mein Geschimpfe zu lieben. Sie wollen es. Brauchen es. Das beweisen sie mir täglich, oft stündlich, ja manchmal sogar minütlich. Und was zusätzlich für das Schimpfen spricht: Ich bin auch ein wenig skeptisch gegenüber der Ich-lasse-meinem-Kind-alles-durchgehen-und-schaue-lieber-kurz-mal-weg-Strategie eingestellt.

Trotzdem schimpfe ich aber eher widerwillig und meist wirklich nur dann, wenn ich es 3-12 Mal (hängt von meiner Geduld und der Ausdauer der Kinder ab) auf die nette Art versucht habe. Nur bei einer einzigen Ausnahme erteile ich mir hochoffiziell immer die Lizenz zum Schimpfen: Wenn Kinder Gewalt anwenden. Beim Hauen, Stoßen, Kratzen, Beißen, Boxen, Haare ziehen ist bei mir das Fin des Laissez-faires erreicht. Sonst aber gibt es meiner Meinung nach nichts, das man nicht in einem ruhigen Tonfall erklären kann:


Ein Beispiel:


„Bist du verrückt? Im Schianzug in den eiskalten BAAAACH springen? Komm sofort da heraus!“

Muss doch nicht sein.


Stattdessen: „Bitte warte doch bis wir wieder Plusgrade haben, mein kleines Eis am Stil, ja? Dann gehen wir wieder in den Bach schwimmen.“



Geht doch auch! Nein, ernsthaft: 
Man muss nicht immer gleich die Nerven weghauen. Tief durchatmen. Das sind schließlich Kinder. So lange sind die noch gar nicht auf der Welt, dass sie unsere Regeln auf Anhieb verstehen können, und sich auch daran halten wollen. Denn ihr Job ist es unsere Grenzen zu testen. Sie müssen sich eben vergewissern, dass wir sie noch lieben, wenn sie uns absichtlich drei bis dreitausend Mal am Tag provozieren.
 Wer dann brüllt, wer schimpft, zeigt eigentlich Schwäche. Machtlosigkeit gegenüber der ganz normalen Entwicklung unserer Kinder.

TAG 1: 
Nicht nur durch Zufall, sondern auch aus kühler Berechnung fällt dieser Tag 1 auf einen Freitag. Der Vater bringt da nämlich traditionell die Kinder in den Kindergarten und holt sie auch wieder ab. Ich verbringe fast den ganzen Tag in der Arbeit. Ein sanfter Einstieg also. Und ein gelungener. Nicht ein einziges Mal musste ich Schimpfen. Als ich die Kinder dann am Abend ins Bett bringe, dauert es fast 90 Minuten bis sie einschlafen. Länger als sonst. Kein Wunder: Einer kreischt, der andere brüllt, hüpft herum, schlägt im Bett Purzelbäume. Tja, da tut man sich mitunter schwer in die Traumwelt einzutauchen. Letztlich schreie ich also doch: „Bitte Ruhe jetzt!“ Nicht weil ich schimpfe, sondern, weil sie mich sonst einfach nicht gehört hätten. Ich finde das höfliche „Bitte“ rettet mich davor, schon an TAG 1 gescheitert zu sein.

TAG 2: So ein Tag kann sehr, sehr lang sein. Nach Freitag kommt nämlich Wochenende. Und wir verbringen den ganzen Samstag gemeinsam. Wir spielen, wir machen die Hausarbeit, die in den letzten Tagen liegen geblieben ist und wir essen gemeinsam. Am Nachmittag brechen wir zu einem dreistündigen Spaziergang auf. Vielleicht dann doch etwas zu lang bei Mitte-Jänner-Temperaturen. Die Kinder raunzen. Der Mann schimpft. Ich nehme mir die Zeit zu überlegen, wo laut reden aufhört und schimpfen beginnt.

Ich beschließe folgende Definition:

Schimpfen ist lautes Sprechen bis leises Schreien (lautes Schreien fällt schon unter Brüllen) mit erniedrigendem Wortlaut auf Kosten des sinngebenden Inhalts.

Ich will nicht schimpfen. Also bleibe ich sanftmütig, ermutige die Kinder weiter zu gehen, baue Hüpfspielchen ein und führe mit den Kindern Gedankenexperimente durch. Dann verlassen mich die letzten Kräfte und Ideen. Und ich haste im Laufschritt nach Hause, bevor ich zu fluchen und vielleicht sogar noch zu schimpfen beginne.

TAG 3:

 Sonntag. Familienfeiertag. Zum Glück treffen wir heute so viele Verwandte, dass ich die Füße hochlegen, und den anderen beim Erziehen zu schauen kann (Es braucht ja bekanntlich ein ganzes Dorf…). Zumindest läuft das die ersten 15 Minuten ganz gut. Als dann der Kleine (Alter: Beginn Trotzphase) beim Abendessen Gabeln, Stifte und Apfel quer über den Tisch pfeffert, geben mir acht stark angehobene Paar Augenbrauen zu verstehen, dass ich vielleicht doch ein mahnendes Wörtchen an den scheinbar missratenen Nachwuchs richten sollte. Ich schimpfe aber nicht. Sondern ich erkläre, dass man das nicht tut aus diesen und jenen Gründen (Der Kleine grinst und scheint kleine, wolkige Bla-Bla-Blas aus meinem Mund fliegen zu sehen) und konfisziere alles Pfefferbare in seiner Reichweite. Die Dorfgemeinschaft, also die Verwandtschaft hätte sich da wohl etwas mehr Erziehungseinsatz von mir erwartet. Ich mir von ihnen übrigens auch. Sie nehmen an dem Experiment schließlich nicht teil.

Der schicksalsträchtige Tag 4:

Während ich dem älteren Sohn (Alter: Ende Trotzphase) ausdrücklich und unmissverständlich verbiete die Stiegen hinunter zu gehen, entfernt er sich weiter von mir. Zwar rückwärts und im Zeitlupentempo, aber doch merkbar. Ich sage noch einmal, er soll zurückkommen. Und dann noch einmal. Bringt nichts. Gar nichts. Er hört mich und er sieht mir sogar ganz fest dabei in die Augen. Er geht dennoch weiter. Er gibt mir zu verstehen: Dies ist ein Duell. Und nur einer von uns kann es gewinnen. Also lasse ich ihn gehen. Denn welche Möglichkeiten habe ich denn? Schimpfen? Dann habe ich das Experiment verloren. Nachlaufen? Dann habe ich auch verloren, weil ich meiner eigene Anweisung oben zu bleiben, nicht Folge leiste. Also raufe ich mir meine gerade gekämmten Haare und lasse einen lauten, befreienden Schrei los: Und zwar in das tiefste Innere meines Körpers. Da hat sich wohl einiges aufgestaut die letzten Tage. Und dann denke ich: Ich kann nicht gewinnen. Bei der Erziehung nicht und auch nicht bei diesem Experiment. Denn wir haben alle langfristig ein gemeinsames Ziel: GEGENSEITIGEN RESPEKT ZEIGEN

Meine Kind müssen mir zuhören, müssen mich ernst nehmen. Und sie müssen einen Grund erkennen, warum ich etwas tue, warum ich etwas sage. Denn wenn ich auf der Straße rufe: „Stehen bleiben!“, ist es fatal, wenn sie mich angrinsen und weiter rennen. Und genau das sage ich ihnen jetzt. Genauso wie ich versuche auf ihre Wünsche einzugehen, müssen sie lernen auf mich zu hören. Das müssen sie lernen.

TAG 5:
 Immer und immer wieder…..

TAG 6:
 …..werde ich meinen Kindern das sagen müssen.

TAG 7:

 Für den Rest meines Lebens.

erschienen im TIPI (Ausgabe Frühling 2016)

TIPI - Magazin für die familie (Ausgabe Frühling 2016)