Dafür bist du noch zu klein!

Wir Eltern entscheiden uns dafür Kinder zu bekommen. Dabei vergessen wir, dass die Kinder niemand fragt. Die werden einfach gemacht. Ob sie das wollen oder nicht, spielt in ihrem Entstehungsprozess keine Rolle. Kein Wunder also, dass so manches die Welt hinterfragendes Exemplar ab und an bedauert in diese hineingeboren worden zu sein. Ein typischer Fall von: regretting childhood[1].

Wenn man Kinder fragt, was sie denn am Kindsein stört, kommt eine Antwort ganz bestimmt: “Dass ich nicht selbst bestimmen kann”. Das war auch die Antwort meines eigenen 5-jährigen Sohnes. Und er hat recht. Sein Leben wird fremdbestimmt geführt. Oberflächlich und aus den Augen eines Erwachsenen betrachtet ist so ein Kinderleben zwar herrlich: Spielen, Essen, Schlafen. Und immer rennt jemand hinterher (kann vielleicht auch nerven!), tröstet einen, wenn man fällt, hat Verständnis für Wutanfälle, nimmt spontane Getränkebestellungen entgegen, stillt den Hunger, liebt und umsorgt einen. Ist für einen da, in guten und selbstverständlich auch in den ganz miesen Zeiten.

Und es gibt auch tatsächlich Kinder, die rundum zufrieden sind. Greta (4 Jahre) und Fritz (12 Jahre) stört am Kind sein genau „Nix“. Beneidenswert.

Aber bei meiner kleinen Umfrage bleiben sie in der Minderheit. Ein Großteil der befragten Minderjährigen fühlt sich wie eine kleine Marionette in der Welt der Großen, die sagen, wann was gemacht werden muss. Meistens zu dem ungünstigsten Zeitpunkt. Abendessen, wenn das Spielen gerade am lustigsten ist. Schlafengehen, wenn man gar nicht müde ist. Nicht fernsehen, wenn man gerade unbedingt fernsehen will.

Frido (8 Jahre alt) bringt es auf den Punkt: „Blöd ist, dass man nicht überall mitbestimmen kann und, dass man das tun soll, was Erwachsene einem sagen.“

Sind wir ehrlich: Es muss der blanke Horror sein. Kind sein ist wahrlich kein Zucker schlecken. Der ist nämlich sowieso verboten, ungesund und macht die Zähne kaputt. Und Ponyhof ist das auch keiner, denn da macht man höchstens einmal Urlaub. Und selbst dort muss man ins Bett, wenn die Eltern es sagen. Stellen wir uns nur einmal vor, wir Erwachsene würden von unseren Kindern so behandelt werden. Wir sitzen gerade beim lauschigen Abendessen mit Freunden, es wird gelacht, gegessen, getrunken und dann kommen die Kleinen daher und deuten genervt mit ihrem Zeigefinger auf die Armbanduhr: „Wird langsam Zeit für dich. Husch husch, ab ins Bett.“

Wir Eltern haben es eigentlich ganz gut getroffen. Wenn wir nicht wollen, dann müssen wir eigentlich gar nichts. Wir können uns sogar in der Früh einen Kaugummischlecker genehmigen, wenn wir das wollen. Unbemerkt versteht sich. Na gut, die Konsequenzen müssen wir tragen. Aber es ist der freie Wille, der zählt. Kinder müssen müssen.

Fanny (15 Jahre): „Ich mag nicht, dass man für alles die Eltern fragen muss und die dann entscheiden, ob sie es erlauben oder nicht. Eltern können sich aussuchen, was sie arbeiten, die Kinder müssen in die Schule gehen und Fächer besuchen, die sie nicht mögen. Und blöde Lehrer muss man auch ertragen.”

Es grenzt an ein Wunder, dass unsere Kinder uns trotzdem lieben, obwohl wir sie täglich zwingen, aufzustehen und in die Schule oder in den Kindergarten zu gehen. Selbst, wenn sie das gar nicht möchten. Wir gehen mit ihnen zur Ärztin, lassen ihnen Spritzen verabreichen. Wahrscheinlich Folter in ihren Augen. Wir zwingen sie ihre Haare zu waschen. Für Kinder reine Zeitverschwendung. Wir setzen ihnen gesundes Essen vor, obwohl sie wissen, dass man von Eis auch satt werden kann. Verrückt! Wer isst Brokkoli, wenn er Himbeereis mit Schokosauce haben kann? Freiwillig! Und wer denkt, Kinder hätten keine Probleme, der hat einfach keine Ahnung.

Louis (7 Jahre): Ich mag es nicht, dass man als Kleiner oft ausgelacht wird von größeren Kindern. Ich finde es blöd, dass ich nicht so große Muskeln habe wie die Erwachsenen und, dass die Eltern nicht alles erlauben. Und, dass ich nicht selbst entscheiden kann, wie lange ich aufbleibe.

Versetzen wir uns in ihre Lage. Wenn unser/-e Chef/-in uns ständig sagt, was wir zu tun haben, was wir tun müssen, und uns nichts selber (außer Lapalien wie zwischen Erdbeereis oder Bananenlutscher) entscheiden lässt, würde uns das ganz schön nerven.

Felix (11 Jahre): „Es ist blöd, dass man als Kind nicht so ernst genommen wird wie ein Erwachsener.“

Wir haben Glück verständnisvolle Kinder zu haben, die uns nicht gleich die Elternschaft aufkündigen und uns sogar trotzdem lieben. Aber blöd finden sie uns manchmal trotzdem.  Zu recht, wie mir mein jüngerer Sohn, der gerade 2,5 Jahr alt ist, bestätigt:

Ich: Hast du mich immer lieb?
Er: Ja!
Ich: Findest du mich manchmal blöd?
Er: Ja (Solche Fragen darf man Betrunkenen und Kindern einfach nicht stellen)
Ich: Wann?
(Überlegt lange)
Ich: Wenn ich mit dir schimpfe?
Er: Nein.
Ich: Wann dann?
Er: Wenn du mir nicht zuhörst.

Das stimmt. Ich höre manchmal nicht zu. Nämlich dann, wenn ich mitten in einem Gespräch bin. Oder wenn der Tag lange war und ich will, dass die Kinder endlich schlafen. Oder wenn ich mit meinen Gedanken woanders bin. Das sei mir gestattet. Genauso wie es ihm gestattet ist, dass ihn das ärgert. Aber wäre er schon erwachsen: Würde ich dann vielleicht eher hinhören?

Manchen Kindern kann es mit dem Erwachsen werden gar nicht schnell genug gehen. Sie fühlen sich gefangen im falschen Körper und wären am liebsten schon Frau oder Herr im eigenen Haus.

Lina (7 Jahre): Ich finde es blöd, dass ich noch kein eigenes Geld verdienen kann, damit ich mir alles kaufen kann, was ich will.

Ein Auto zum Beispiel. Denn die Abhängigkeit in der Mobilitätsfrage kommt noch erschwerend in der langandauernden Situation Kindheit hinzu. Das trifft besonders die Kleinen, mit einer besonders großen inneren Größe.

Leon (5 Jahre): Es ist unfair, dass ich nicht so groß bin wie die Erwachsenen. Und dass ich nicht in den BOGI Park (Anm.: Indoor Spielplatz) kann, immer wenn ich Lust habe. Und dass ich nicht so viel Süßigkeiten essen kann, wie ich will.

Nikola (3 Jahre): Kind sein ist doof, weil man zu klein ist, um überall raufzukommen.

Die generelle Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bleibt den meisten Menschen leider ein Leben lang erhalten. So wie es ist, soll es meist nicht sein. Und irgendwann ist man so alt und der Rücken schmerzt bei jeder Bewegung, sodass man sich nicht mehr ohne Schmerzen im Rücken bücken kann. Wetten? Die Auflösung gibt es dann in dem Artikel, den ich hoffentlich in dreißig Jahren schreiben werde: regretting grandmotherhood .

 


 

[1] Hintergrundinfo: „regretting motherhood“ (deutsch:„Bedauern der Mutterschaft“) ist eine 2015 veröffentlichte Studie in Israel durchgeführte Studie, die weltweit für Aufsehen gesorgt hat.  Die befragten Frauen lieben ihre Kinder, aber den Umstand Mutter geworden zu sein bereuen sie, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Mütter nicht ihren Vorstellungen entsprechen.

erschienen in TIPI Das Magazin für die Familie (Ausgabe Herbst 2016)

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Die Besserwisser

Man möchte meinen, es gäbe nichts Privateres als den Inhalt des eigenen Bauches. Falsch! Wenn der weibliche Bauch plötzlich rund wird, darf die ganze Erdkugel mitreden. Schließlich handelt es sich um ein zukünftiges Mitglied unserer Gesellschaft: Allgemeingut. Ob Medien, Schwiegereltern, kinderlose Freunde oder die Oma von nebenan: Es ist deren verdammte Pflicht sich einzumischen.

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von Alina Rheindorf

“Warum weint das arme Buberl denn? Will er vielleicht eine Schokolade?”, fragt mich die betagte Dame als mein sieben Monate altes Baby im Kinderwagen wütend und rotköpfig vor sich hinkräht. Ich weiß, die Frau meint es nicht böse. Sie will mir helfen. Aber sie macht die Situation nur noch schlimmer. Weil es mich zusätzlich nervt. Aussenstehenden fehlt oft die nötige Empathie zu begreifen, dass ein schreiendes Kind das Potential besitzt Eltern hundertprozentig, ach was wem mache ich etwas vor: zweihundertprozentig auszulasten. Jeglicher Zusatz-Input birgt die Gefahr der Folge Nervenzusammenbruch. Natürlich könnte ich jetzt der erfahrenen Dame höflich erklären, dass sie recht hat. Eine Schokolade würde die Situation garantiert entspannen. Die Geschmacksexplosion auf der Zunge des Säuglings hätte dieselbe Wirkung wie ein Sedativum. Vor allem für jemanden, der bisher in seinem Leben nur Milch, Pastinake und Karotte ungewürzt (also Kategorie: eher fad) kennengelernt hat.

Ungefragt

Anschließend käme natürlich das große “aber”, auf das ich in einer Elternzeitschift gewiss nicht näher eingehen muss. Ich finde allerdings, dass ich das aus Prinzip gar nicht muss. Es ist nicht meine Aufgabe einer mir unbekannten Person die unzähligen Gründe aufzuzählen, warum ein Baby keine Süßigkeiten zu sich nehmen sollte. Ich will ihr auch nicht erklären, dass das Kind weint, weil es müde ist. Dass es weint, weil es im Kinderwagen nicht schlafen will. Dass es weint, weil es getragen werden will. Dass ich es sogar gerne tragen würde. Dass ich es aber nicht tragen kann, weil ich mir am Vortag beim Tragen des Kindes den Rücken vom Nacken bis zum Allerwertesten verrenkt habe. Ich will ihr das alles nicht erklären, weil ich es ihr nicht erklären muss. Ich bin ihr keine Rechenschaft schuldig. Ich habe sie nicht um Rat gebeten. Deshalb zucke ich ungelenk mit meinen schmerzenden Schultern und gehe einfach weiter. Die kleine, rote Krähe vor mir herschiebend.

Jeder weiß alles besser

Es scheint als ob jeder Mensch da draußen besser wüsste, was das Beste für Mutter, Vater, Eltern und Baby ist als Mutter, Vater, Eltern und Baby selbst. Ob diese Person selbst schon am eigenen Leib eine Geburt erlebt hat, ist dabei tatsächlich nebensächlich. Denn schließlich kennt jeder irgendjemanden, der schon einmal von jemandem gehört hat, dass irgendjemand ein Kind zur Welt gebracht hat, oder zumindest dabei zugeschaut hat. Und falls nicht: Jeder von uns wurde zumindest einmal schon geboren. Was einen zum Mitreden irgendwie berechtigen könnte. Und dass sich fast jeder da draußen in der Welt berechtigt fühlt, bestätigt sich schnell.

Umgefragt!

Ich habe mich in meinem Umfeld ein wenig umgehört und bin dabei aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Alle Eltern scheinen diese Situation zu kennen. Sie bekommen schlechte Ratschläge gratis und ungefragt an jeder Ecke.

Dabei würden sie meist nicht einmal für gute Ratschläge teuer bezahlen wollen. Vielleicht ist das Urteil aber voreilig. Sehen wir uns die Beispiele, die unzähligen Tipps und Tricks der selbsternannten Erziehungsexperten, erfahrenen Privatpädagogen, unstudierte Gynäkologen und Hobbyhebammen einfach einmal genauer an. Ich habe die “klügsten” Ratschläge für uns tollpatschigen Rabeneltern zusammengefasst:

Wie wird man denn schwanger?

Eine Frau (nicht schwanger) befindet sich bei der Kontrolluntersuchung bei der Gynäkologin. Die Krankenschwester beruhigt sie mit dem nötigen Feingefühl:

“Sie dürfen nicht so ungeduldig sein. Schwanger werden dauert nun einmal und geht nicht von heute auf morgen. Wie wäre es denn mit Adoption? Haben sie schon darüber nachgedacht? Oder vielleicht ein Haustier bis es soweit ist?”

Lebensrettende Maßnahmen frühzeitig erkennen

Ein Nachbar erkennt die lauernde Gefahr “Samtpfote”, die für das Neugeborene schon bald zur Bedrohung werden könnte:

“Die Katze sollten sie unbedingt loswerden, noch bevor das Baby kommt. Sie wird eifersüchtig sein und dem armen Baby das Gesicht zerkratzen. Und das kann sich noch nicht einmal wehren.”

Schönheit muss eben leiden

Fremde Frau in der Straßenbahn entpuppt sich im Vorbeigehen als Expertin für Milchschorf auf Babyköpfen:

“Das müssen sie runterkratzen. Schaut eklig aus.”

Gefahr im Schlafzimmer

Großvater stärkt das Selbstvertrauen frischgebackener Eltern:

“Das Baby schläft mit euch im Bett? Habt ihr da nicht Angst, dass ihr euch drauflegt und es erstickt?”

Verwahrloste Babygeneration

Mutter liegt mit Kind (10 Monate) auf einer Decke im Schwimmbad und liest Zeitung. Eine ältere Dame geht vorbei, erkennt auf Anhieb das vernachlässigte Kind in der Not. Bevor sie die Fürsorge verständigt versucht sie aber noch an die Mutter zu appellieren. Sie will schließlich nicht vorschnell urteilen:

“Wissen Sie, Babys sind schon arm, wenn man sich nicht mit ihnen beschäftigt. Sind sie denn alleinerziehend?”

Gestörte Eltern-Kind-Bindung

Die Großeltern sind geschockt, ob der viel zu frühen Einkindergartung des 17 Monate alten Enkelkindes:

“Das führt zu einer Langzeit-Bindungsstörung mit zerstörtem Urvertrauen. Schlafstörungen inklusive.”

Mutter bringt ihre 1-Jährige Tochter in den Kindergarten. Eine Frau sagt im Vorbeigehen:

“Mein Sohn musste erst mit 5 Jahren in den Kindergarten. Vorher wollte der gar nicht. Welches Kind will schon weg von der Mama? Man soll ja Kinder nicht zwingen.”

Krankheiten verhindern, bevor sie entstehen!

Der kinderlose Onkel will zwar mit der einjährigen Nichte einen Motorradausflug machen und danach das Demolition Derby besuchen, glaubt aber eine drohende Lungenentzündung zu erkennen, wenn das arme Kind bei 20°Grad Celsius keine Wollmütze trägt:

“Sie niest ja schon!”

Das stärkste Band der Welt so schwach

Das dreijährige Kind tut sich weh und weint. Die Mutter nimmt es auf den Arm. Doch dann der Schock: Das Kind schreit nach dem Vater. Eine fremde Frau beobachtet entsetzt die Szene und liefert auch gleich die Analyse:

“Da stimmt etwas nicht mit ihnen und ihrem Kind, wenn es nach dem Vater schreit. Da machen sie etwas falsch.”

Falsch! Falsch! Falsch! Unglaublich was Eltern heutzutage alles falsch machen können. Nämlich Alles auf vielfache Weise. Zum Glück sind wir umgeben von vielen weisen Menschen, die wissen, wie man es richtig macht.

Allerdings: Guter Rat ist teuer, wie es so schön heißt. Deshalb behaltet ihn lieber für euch! Denn ungefragt nervt er einfach nur ungeheuer.

erschienen im Tipi – Das Magazin für die Familie (Frühling 2016)

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