Stirbt die Mitte?

Kommt rücken wir noch ein Stückerl weiter auseinander. Die einen nach rechts. Die anderen nach links. Das scheint das eigentliche Ergebnis dieser Wahl zu sein. Und ich befürchte, das dürfte auch das Prozedere in den kommenden Wochen bis zur Stichwahl ganz gut beschreiben.

In Wien und in Oberösterreich legte die FPÖ bei den Landtagswahlen nicht so stark zu wie im Vorfeld erwartet, dafür hat mit dem gestrigen Wahlausgang kaum einer gerechnet. Am allerwenigsten die Experten, die Meinungsforscher, die Journalisten.

Bei genauerer Betrachtung findet sich dann doch schnell eine Erklärung. Sogar die NY Times analysiert, dass das Wahlergebnis den hohen Grad an Desillusionierung beim Wähler offenbart. Das Volk sei enttäuscht von der großen Koalition, dem Stillstand bei Themen wie Bildung, Steuer- und Pensionsreform (als könnte der/die BundespräsidentIn daran etwas ändern). Zudem habe natürlich die Flüchtlingsfrage, die offenen Grenzen (die mittlerweile geschlossen sind) dazu beigetragen, dass die Stimmung im Land gekippt ist. Nach rechts umgefallen quasi.

Aber ist das tatsächlich die einzige Ursache des Symptoms Rechtsruck? Das angebliche Versagen der Regierung bei diesen Fragen? Ich glaube es ist etwas komplizierter. Diese Symptome sind verbildlicht vielleicht eher vergleichbar mit den wachsenden Triebe einer Wurzel. Einer Wurzel, die man im frühen Wachstumsstadium noch leicht ziehen hätte können. Aber jetzt, da sie zu einem Geflecht der Multikausalität ausgetrieben sind, hat sie sich manifestiert in unserer Gesellschaft. Und die FPÖ schafft es sich dieser Wurzel effektiv anzunehmen und ihre Triebe zu instrumentalisieren, sie zu nutzen und teilweise sogar zu düngen.

Angst. Der allerstärkste Wahlmotor. Alles was es braucht ist einen Sündenbock, auf den wir all unsere Probleme schieben können. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass die “Erfindung” des Sündenbocks eine Welle der Gewalt auslösen kann. Deshalb gilt Bildung ja als Prävention für Rassismus.

Das marode Bildungssystem. Davon profitiert auch indirekt die FPÖ. Norbert Hofer erreichte bei den Wählern mit formal niedriger Bildung  das stärkste Ergebnis (45%). Aber Achtung:

Die Spaltung der Gesellschaft in vermeintlich Gut und Böse forciert die Kluft bei den Wählern. Überhebliche Linke vs. „ungebildete“ Rechte)

Quelle: Facebook-Seite von HC Strache

Quelle: Facebook-Seite von HC Strache

Soziale Medien und Online-Plattformen, wo Beschimpfungen bei polarisierenden politischen Themen wie der Flüchtlingsfrage ein gängiger Umgangston zu sein scheint. Die These: Hass wird dadurch geschürt.

Die EU, die in der Flüchtlingsfrage versagt hat. Auch davon profitieren die rechten und EU-kritischen Parteien in ganz Europa.

Die steigende Arbeitslosigkeit (übrigens schon vor der Flüchtlingskrise).

Politische Inszenierung in den Medien.

Die Liste lässt sich vermutlich endlos fortsetzen. Denn letztendlich gibt es unzählige individuelle Wahlmotive und -entscheidungen, beeinflusst durch verschiedene Faktoren. Es wäre klarerweise längst an der Zeit sich den Ursachen zu widmen anstatt sich über die Symptome zu wundern. Und damit meine ich nicht nur die Politik. Vor allem meine ich damit die Menschen.

Angst ist ein Gefühl. Kein Wahlmotiv. Angst spaltet.

Keine Angst vor „Fürchtlingen“!

 „Woher kommen die Fürchtlinge?“, fragte unser Sohn beiläufig beim Abendessen. Da war uns klar: Wir müssen reden. Darüber, wie wir Eltern über das Thema kommunizieren. Denn die kleinen Laus(ch)er hören alles mit. Und wir müssen vor allem mit unseren Kindern über Flucht und Krieg sprechen. Halbwissen führt zu Angst. Und Angst sollen Kinder nicht haben.

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Das sind keine Fürchtlinge, sondern Flüchtlinge“, stelle ich zu Beginn klar.

Aber die fürchten sich doch“, antwortet mein vierjähriger Sohn.

Ja, das stimmt wahrscheinlich. Sie flüchten ja schließlich vor einem Krieg.“ Die Grausamkeiten des Krieges will ich vor meinen Kindern nicht erwähnen. Das steht fest. Krieg sollte für Kinder, die ihn nicht erleben müssen, etwas Abstraktes bleiben dürfen, finde ich.

Denn wenn einmal die Wörter „Krieg und Angst“ fallen. Dann muss man sich sowieso auf ein längeres Gespräch einstellen. Kinder erkennen, wenn Eltern zögern, wenn sie selbst verunsichert sind. Und das sind sie meist, weil sie mit schwierigen Fragen von Seiten des unschuldigen Nachwuchses einfach nicht rechnen. Solche Fragen treffen sie nämlich aus dem heiteren Himmel. Meine Antworten kommen deshalb meistens aus dem Bauch, nicht aus dem Kopf und auch nicht aus klugen Ratgebern.

Meine Antwort ist darum: „Die Menschen flüchten hierher, weil es in dem Land, in dem sie wohnen, nicht mehr sicher ist. Es gibt dort böse Menschen, die sie verjagen, oder ihnen verbieten so zu leben, wie sie es gerne möchten. Es kann sogar gefährlich sein dort zu bleiben. Deshalb müssen sie weg.“

Hat man als Elternteil eine solche Frage einmal beantwortet ohne dabei gröberen, psychischen Schaden angerichtet zu haben, will man verdient aufatmen können. Allerdings lassen gerade Kinder in solchen Fällen nicht locker. Ich hätte mir ja denken können, dass diese Antwort eine ganz wichtige Folgefrage aufwirft.

Bei uns gibt es keine bösen Menschen, oder?“

Puuuhhhhh! Warte mal, Schnecki. Ich muss ganz dringend die Katzen füttern. Dann reden wir weiter, ja? Vergiss deine Frage nicht“, würde ich am liebsten sagen, um mir ein paar Bedenkminuten bzw. -stunden (die Katzen sind seeeeehr hungrig und wir müssen noch Nachschlag im Geschäft holen, das hat leider zu, dann fahren wir in den Fachhandel…..usw.) rauszuschlagen. Aber das geht in dem Fall echt nicht. Ich muss jetzt antworten. Jetzt!

Vor der Herausforderung schwierige Fragen zu beantworten stehen wohl in genau diesem Moment viele Eltern. Schulkinder haben neue Klassenkollegen aus Syrien, aus Afghanistan, aus den verschiedensten Ländern. Was die Lehrer nicht mehr schaffen, wird zu Hause besprochen. Überall wird diskutiert. Es gibt hunderte Meinungen in einem mittlerweile gespaltenem Land. Und das bekommen auch Kindergartenkinder schon mit. Ich finde: Nur wer sieht, wer darüber spricht, wer in Berührung kommt, kann auch verstehen. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder. Augen verschließen hilft niemandem. Also haben wir gemeinsam mit den Kindern Spenden nach Traiskirchen gebracht. Wir reden zu Hause viel über das Leid der Flüchtlinge, über die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Wir helfen den ankommenden Familien bei uns im Ort. Das Thema ist bei uns omnipräsent. Aber ich merke selbst, wie mich die Situation belastet. Täglich mit dem unfassbaren Leid konfrontiert zu werden, ist für die menschliche Psyche eben nicht fassbar. Ich träume jeden Tag schlecht, wache oft auf, denke an die Kinder, die da draussen im Freien in der Kälte schlafen, ja sogar dort auf die Welt kommen. Ich selbst liege dabei aber im warmen Bett. Kann aufstehen und mir Tee kochen, ein Kekserl essen, wenn ich Hunger habe. Trotzdem: Alles in mir arbeitet. Und Kinder: Die können diese Tragödie nicht einmal ansatzweise verstehen. Wie viel muss man erklären, was sollte man lieber auslassen, wie viel an Grausamkeit kann man überhaupt in Worte fassen? Wenn ich damit schon nicht zurecht komme, wie sollen die Kinder das dann verkraften? Aber die Wahrheit verschweigen? Das kann ich trotzdem nicht.

Ja, es gibt leider überall böse Menschen. Aber wir haben Glück. Bei uns werden böse Menschen betreut. Man kümmert sich um sie und schaut darauf, dass sie nichts Böses mehr tun“, antworte ich. Ohne lange gezögert zu haben.

Ich weiß. Eine Meisterleistung sondergleichen in Um-den-heißen-Brei-herum-Schwafelei. Aber meinen Sohn hat diese Antwort seltsamerweise irgendwie zufrieden gestellt. Er hat nicht weiter gefragt. Ich fühle mich allerdings schlecht. Weil ich nicht weiß, ob ich zuviel, oder zuwenig verraten habe.

Mama“, sagt er da plötzlich. „Ich glaube auch die bösen Menschen sind nicht wirklich böse. Wenn ich die Bösen grüße und sie grüßen nicht zurück, dann macht mir das nichts aus. Die kennen mich halt nicht. Und haben Angst vor mir.“

Ich nicke und unterdrücke das Kichern. Erstens weil er denkt, dass jemand Angst vor ihm haben könnte. Und Zweitens, weil er sich nichts Böseres auf der Welt vorstellen kann, als dass jemand ihn nicht grüßt. Das beruhigt mich einerseits. Andererseits ist das auch ein beängstigender Gedanke. Er ist ein Kind. Läuft blauäugig mit rosaroter Brille auf Wattepatscherln durch eine Zuckerwattenwelt. So soll es sein. Aber so wird es nicht bleiben.

Das Thema wird noch lange nicht beendet sein. Kinder sind neugierig. Sie saugen, schnappen alles auf, was sie hören, was sie sehen. Und weil um uns herum Tag für Tag Menschen ankommen, die Unvorstellbares erlebt haben, können wir ihre Welt von der unseren nicht fern halten. Sie werden, sie sollen verschmelzen. Denn sie sind längst dabei zu verschmelzen. Und darauf wollen, sollten wir vorbereitet sein.

Bevor ich nach Ratgebern suche, google ich mal nach Kinderbücher. Es gibt wundervolle Bilderbücher und Kinder können sich mit dem Thema Flucht beschäftigen ohne dabei belehrt zu werden. Allerdings warum in Büchern blättern? Nicht weit von uns ist eine Flüchtlingsfamilie mit Kindern eingezogen. Wir haben schon öfters Spenden hingebracht. Das nächste Mal werden wir uns einfach selbst mitbringen und „Hallo“ sagen. Genau das werden wir machen. Ob sie Deutsch sprechen oder nicht, ist vollkommen egal. Denn Kinder können etwas, das wir Erwachsene oft schon verlernt haben. Kommunizieren, miteinander lachen, sich verstehen. Ganz ohne dabei eine bestimmte Sprache zu sprechen.

Bevor mein Sohn an diesem Abend einschläft, ruft er laut: „Ich hab’s Mama. Wie wäre es denn, wenn wir zu den bösen Menschen hingehen und sagen, sie sollen nicht mehr böse sein.“

Weißt du was, mein Schneck. Wir gehen morgen zuerst einmal zu den lieben Menschen und sagen „Hallo“.

Er nickt zufrieden und schläft ein.

 

erschienen im Tipi – Magazin für die Familie (Winter 2015)

 

Tipi Winter 2015

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